Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Frauen und Kinder zuerst.“ Diese Parole ist von der Titanic überliefert. Das Luxusschiff ist 1912 mit einem Eisberg kollidiert und untergegangen. Und es waren nicht genügend Rettungsboote für alle da. Also musste irgendjemand festlegen, wer zuerst gerettet wird, wer überleben darf, wer das Vorrecht hat vor denen, die im eiskalten Wasser des Atlantischen Ozeans ertrinken. So hart sich das anhört, so ist es gewesen.

Es mag verschiedene Gründe gegeben haben, weshalb Frauen und Kinder bevorzugt werden sollten: Aus Ehrfurcht und Respekt den Jungen gegenüber, die noch ihr Leben vor sich hatten. Weil Frauen als das vermeintlich schwache Geschlecht angesehen wurden und deshalb mehr der Hilfe bedurften. Oder aus der vagen Hoffnung heraus, Männer könnten womöglich solange im Wasser schwimmen, bis Rettung eintrifft.

Offenbar war damals die Priorität klar. Ob sie das heute noch ist, frage ich mich. Um mit meiner Kirche, der katholischen, anzufangen. Dort gilt die Maßgabe „Frauen zuerst“ jedenfalls nicht, wenn es darum geht, wer das Sagen hat. Und die besondere Fürsorge Kindern gegenüber ist leider oft genug missachtet, ja mit Füßen getreten worden. Leider kann ich auch in Politik und Wirtschaft nicht erkennen, dass Kinder und Frauen dort bevorzugt werden. Frauen werden noch immer für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer. Dass Frauen bei der Erziehung und in den Familien die Hauptlast tragen, dass sie sich mehr als Männer im Ehrenamt engagieren, wird nicht genügend unterstützt. Auch finanziell nicht.

Was Kinder angeht, bedaure ich das besonders. Im reichen Deutschland sind 2,8 Millionen Kinder von Armut bedroht; das ist fast ein Fünftel der unter 18-Jährigen. Sie leben in Verhältnissen, für die sie sich schämen und die ihr Selbstvertrauen klein halten. Ihre Gesundheit steht auf dem Spiel. Und sie haben nicht den gleichen Zugang zu Schule und Ausbildung wie Kinder aus reicheren Verhältnissen. Das verbaut ihnen häufig eine gute Perspektive für die Zukunft. Überhaupt das Bildungssystem. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern investieren wir in diesen Bereich viel zu wenig. Es fehlt an Lehrern und technischen Voraussetzungen. Viele Schulgebäude sind marode. Offenbar ist anderes wichtiger. Dabei ist die Logik denkbar simpel: Was wir heute versäumen, wird morgen fehlen. Bei denen, die dann bei uns die Verantwortung tragen sollen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31639