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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08SEP2020
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Eine junge Frau hat mir ihr Herz ausgeschüttet. Einfach so. Sie hat mich nach dem Gottesdienst abgepasst und gefragt, ob ich ein paar Minuten Zeit für sie hätte. Dann hat sie erzählt. Von der Schule, und was ihr da Sorgen bereitet. Wie sie sich die Zeit danach vorstellt und dass sie noch nicht weiß, was sie später einmal machen soll. Wie sie in der Familie zurecht kommt, mit ihren Freundinnen, und wo es Schwierigkeiten gibt. Übers Verliebtsein haben wir gesprochen und jugendlichen Leichtsinn. In kurzer Zeit waren fast alle wichtigen Fragen, die sie beschäftigen, auf dem Tisch. Und ich durfte etwas dabei helfen, die einzelnen Fragen und Sorgen einzuordnen. Nach zwanzig Minuten waren wir fertig mit unserem Gespräch. Mit freiem Blick und wohl auch ein bisschen erleichtert hat die junge Frau sich von mir verabschiedet. Und ich dachte: Was habe ich doch für einen wunderbaren Beruf! Dass ein Mensch so viel Vertrauen zu mir hat. Dass ich zuhören darf und Rat geben und helfen kann, Lasten leichter zu machen.

Es ist doch genau das, was viele Menschen suchen. Und selten genug finden. Klar, man kann zu einem Psychotherapeuten gehen oder in eine Beratungsstelle. Wie gut, dass es die gibt. Aber nicht immer ist so ein großer Schritt das Richtige, bei dem es dann gleich um eine längere Begleitung geht, die finanziert und geplant werden muss. Manchmal braucht es nur ein Gespräch, ein offenes Ohr, das Herz eines anderen, der genau dafür da ist. Als Seelsorger. Dass mir das als Priester wichtig ist, habe ich eigentlich von Anfang an gewusst. Aber es ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Und das hängt auch damit zusammen, dass ich bei vielen Menschen gespürt habe, dass sie so etwas suchen. Oft hatten sie Mühe, das auszusprechen, haben sich nur mit Mühe getraut sich zu öffnen. Ich glaube, dass der Bedarf nach echter Seel-Sorge immens groß ist, und noch gewachsen in den letzten Jahren. Er ist auch im Moment unter den Bedingungen von Corona wichtiger denn je, wo viele Menschen verunsichert sind, allein, niedergeschlagen. Alles in allem ist das die Aufgabe, für die die Kirchen ganz besonders stehen könnten und müssten. Und ich will dazu meinen Beitrag leisten, wo immer ich kann.

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