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SWR1 Begegnungen

30AUG2020
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Michael Kötz

Peter Annweiler trifft Michael Kötz, Leiter des Ludwigshafener Festivals des deutschen Films

Teil 1:  Faszination Film

Der Mann ist wild auf Film. Doch beim laufenden Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel geht es eher zahm zu:  Coronabedingt hat der 69jährige Leiter des Festivals mit seinem Team ja „nur“ Open-Air- und Online-Kino auf die Beine gestellt.
Gar nicht geht für ihn nicht. Eben weil er überzeugt ist: Filme können Vertrauen ins Leben stärken – und das brauchen wir jetzt besonders. Gerne möchte ich mit ihm ins Gespräch kommen, wie Film und Religion das auf ihre Weise tun. Ganz schnell stoßen wir dabei auf die Frage, was einen guten Film eigentlich ausmacht.

Auf jeden Fall ist Film eine sehr absurde Angelegenheit: Er ist komplett hoffnungslos der Realität verpflichtet und verfangen. Ein Film, der sich ganz weg von der Realität bewegt, ist  ungenießbar.  Er muss verankert sein in der Wirklichkeit. Und gleichzeitig …handelt der Film von Überirdischem, von irgendetwas, was überhaupt nicht auf dieser Welt ist.

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Irgendwie weht mich da auf der Leinwand eine Mischung aus Realität und „Überirdischem“ an, ich bekomme im geborgenen Dunkel des Filmsaals feuchte Augen – und weiß eigentlich gar nicht so genau, wieso.
Wie Michael Kötz über Filme spricht fasziniert mich –, und kommt mir vor, als ob er auch über Gottesdienste redet. Denn manchmal geht mir das auch in der Kirche so: Da bin ich berührt und kann gar nicht sagen, wodurch. Auch für Michael Kötz können Film und Religion ähnliche Saiten in Schwingung bringen.

Da klingt’s und da fährt Musik durch – und dann funktioniert ein Film. Das ist das, was vielleicht früher die Menschen gesucht haben, wenn sie in die Kirche gingen – und der Pfarrer konnte wirklich gut reden. Oder was man manchmal bei Vorträgen erheischt, wo man merkt: Das hat jetzt irgendne Substanz, die ich nicht ganz verstehe – unter diesem Gesichtspunkt suche ich Filme aus, seit ich denken kann – und alle anderen finde ich langweilig.

Michael Kötz hat mit Kirche gar nicht so viel am Hut. Aber er weiß, was in der Gesellschaft – und erst recht in der Kirche - fehlt, wenn alles vernünftig, erklärbar und genormt ist. Wir Menschen brauchen eine Kraft, die geheimnisvoll bleibt und Weite schenkt, die Geschichten mit hoffnungsvollem Ausgang zeigt.  Ich würde diese Kraft ja Gott nennen. Aber der Name vielleicht gar nicht so wichtig, bei etwas, das ohnehin nicht so einfach nachweisbar ist.

Ich will, dass Filme eine Seele haben -  seltsames Phänomen: Seele – die gibt’s gar nicht, naturwissenschaftlich – und in unserer Zeit auch nicht. Aber sie gibt’s halt doch – und jeder weiß es.

Wenn Filme eine Seele haben, dann ist Kino manchmal auch Seel-Sorge. Da tauchen Zuschauende ein in die Kraft einer heilsamen Verwandlung und blicken danach anders aufs Leben.

Teil 2: Faszination Festival

Michael Kötz ist Chef des Festivals des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel. Das gibt es seit 15 Jahren und ist das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland geworden. Doch freilich, in diesen Tagen findet   – coronabedingt – nur eine verkleinerte Version statt.  Aber gerade weil größere Veranstaltungen nicht stattfinden können, liegt auf der Hand, was Michael Kötz schon lange sagt. Es geht gar nicht nur um den Film, sondern um das Gemeinschaftliche.

Wenn man darüber nachdenkt, dann wird einem erst richtig klar, was ein Kinobesuch und noch stärker ein Festival, was sozusagen die festliche Variante – die Hoch-zeitvariante von Kino ist: Da sind die Stars, es ist komprimiert auf Tage, zusammengeschnurrt. Es ist eigentlich dieses Zusammenkommen der Menschen, es geht um gar nichts anderes. Mit Filmfestivals sind wir auch nah an einem Gottesdienst

Festivals als Gottesdienste? – In Zeiten der Pandemie kann ich dem was abgewinnen.  Es geht darum, tatsächlich zusammen zu kommen, neuen Mut zu finden und gemeinsam aus einem einzigen Fenster hinaus in die Welt zu sehen. Und egal, ob beim Festival oder im Gottesdienst: In aller wichtigen digitalen Erweiterung unserer Welt, ist das reale Zusammenfinden mit einer gemeinsamer Ausrichtung kostbar geworden. Michael Kötz sieht allerdings im Blick auf den Gottesdienst auch eine Schwachstelle im Vergleich zu anderen Medien:

Die Predigt – die krankt einfach daran, dass die anderen viel stärker und eindrucksvoller sind als es das Wort von der Kanzel sein kann. In anderen Zeiten hat das funktioniert. Das ist heute viel zu wenig. Das ist viel zu dünn. Es fehlen die Bilder. In so fern würde ich ja, wenn ich Theologe wäre und erfinden müsste, wie die Kirche der Zukunft aussieht, dann würde ich daraus einen sehr cineastischen Erfahrungsdom basteln.

Ein „Kino-Dom“ – klingt spannend. Und manchmal könnten Gottesdienste sicher durch Bilder auch weiter werden. Aber meint Michael Kötz wirklich, die Inszenierung eines Filmes wäre das Selbe wie das Feiern eines Gottesdienstes? In meinen Augen sind Gottesdienstbesucher auch anders und  aktiver als „Zuschauer“. Sie beten und singen, sie bringen ihr Bekenntnis mit. Es geht darum, das Gottvertrauen zu stärken. Und beim Vertrauen finde ich wieder zusammen mit meinem Gegenüber. Denn das bleibt in Krisenzeiten für die Künste und für die Kirchen wichtig:  Vertrauensvoll und mutig im Leben zu stehen. Eindrucksvoll, wie Michael Kötz sich am Schluss unserer Begegnung zu diesem Menschenbild bekennt.

Man kann den Menschen vertrauen. Das habe ich mein Leben lang gemacht, das mache ich auch weiter. Also man kann schon annehmen – auch wenn sie alle möglichen Sauereien machen in der Welt - absichtlich und unabsichtlich – letzten Endes kann man ihnen vertrauen. Sie wollen eigentlich freundlich sein zu anderen Menschen.

Schön, wenn es gelingt, dieses Vertrauen zu stärken. Nicht nur beim Festival, nicht nur im Gottesdienst, Und nicht nur am Sonntag. Sondern auch für Werktage in Coronazeiten.

 

Mehr Informationen zum aktuellen Filmfestival bis 13.09.20
www.fflu.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31563