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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27AUG2020
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„Hülle und Fülle“ das ist der Titel einer Ausstellung. Ich hab sie in Schwäbisch Gmünd besucht, in einem Hospiz, das dort gerade eingerichtet wird.  Die Künstlerin Astrid Eichin hat aus unterschiedlichsten Materialien lauter Mäntel gestaltet. Mäntel in Anlehnung an den Gedanken der Hospizidee und der Palliativ- Medizin, die beide lindern wollen, schützen, umhüllen wie ein Mantel - und gleichzeitig so viel Leben wie möglich vor dem Sterben ermöglichen.

Einen dieser Mäntel sehe ich immer wieder vor mir: Er ist aus hellem, groben Bauernleinen gewoben. In der Mitte dieses Mantels ist ein Herz aus Blattgold aufgedruckt. Herz wie Mantel sind in der Mitte längs geteilt. Goldene Schnüre verbinden die beiden Hälften und gehen über sie hinaus.

Die zwei Hälften sind getrennt und doch bleiben sie verbunden.

So wie Menschen, die gestorben sind gehen, und doch immer etwas von Ihnen bleibt. Sie hinterlassen unauslöschliche Spuren. Nicht nur eine Hülle sondern auch die Fülle eines ganzen Lebens.  Dafür stehen auch die Fingerabdrücke, die die Künstlerin auf beiden Hälften aufgebracht hat.

„Herzensgut“ hat sie diesen Mantel genannt. Das hat mich zunächst irritiert. Denn mit dem Eigenschaftswort „herzensgut“ verbinde ich erstmal Charakterzüge eines Menschen wie fürsorglich, gütig, großzügig. …

Irritiert hat mich dann, dass Astrid Eichin dieses Wort „Herzensgut“ großgeschrieben hat. Und das bestimmt nicht zufällig. Denn so hat es noch eine weitere, sogar doppelte Bedeutung: und zwar als das Gut des Herzens, das was darin geborgen ist wie ein Schatz für immer. Und das Gute, das aus dem Herzen kommt. Das, was auch nicht genommen werden kann. Weder dem, der stirbt, noch dem der zurückbleibt. Eben die Fülle eines gemeinsamen Lebens.

So wie die goldenen Schnüre auf dem Mantel die Verbindung auf der Herzensebene abbilden, so bleiben Menschen über den Tod hinaus miteinander verbunden.

Für mich hat dieser Mantel etwas sehr Tröstliches. Besonders wenn ich an eine kürzlich verstorbene Tante denke, die heute Geburtstag hätte, mit der ich eng verbunden war und bin. Sie war das, was ich mit herzensgut verbinde. Eine, die buchstäblich ihr letztes Hemd verschenkt hätte. Ein Mensch, bei dem es mir warm ums Herz wird, der fehlt und bleibt. Als Herzensgut…

*www.astrid-j-eichin.de

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