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SWR4 Sonntagsgedanken

28JUN2020
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Aufstehen indem man niederkniet. So lautet die Überschrift eines Zeitungartikels, in dem über die neue Protestbewegung Black Lives matterberichtet wird. Menschen demonstrieren gegen Rassismus und Gewalt und knien dabei auf die Erde, um ihren Protest zu unterstreichen/auszudrücken.

Angefangen hat das im amerikanischen Fußball, als ein farbiger Spieler sich weigerte zur Nationalhymne aufzustehen. Er wollte sich nicht mit einem Land identifizieren, in dem  es seit Jahrhunderten direkt oder unterschwellig  eine Benachteiligung der farbigen Bevölkerung gibt und in dem immer wieder farbige Menschen bei Polizeieinsätzen getötet werden. Aus dem Schwarzen, der einst als Sklave untertänig knien musste, wird der freie Schwarze, der gegen Unterdrückung aufsteht, indem er niederkniet. 

Der Kniefall ist ursprünglich ein Akt der Demut und der Respektsbekundung. Bis zum heutigen Tag knien Katholiken in den Gottesdiensten, ein Zeichen des Gebetes und der Verehrung. Wer auf die Knie geht, kann aber auch sagen: Ich bitte um Entschuldigung. Ich denke an den besonderen Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. Er hat im Dezember 1970 Polen besucht. Brandt ging dabei auch zum Ehrenmal der Helden des Warschauer Gettos und fiel auf die Knie. Es war eine Bitte um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche in Polen begangen hatten. Hier wird deutlich: Es ist ein Unterschied, ob jemand freiwillig niederkniet oder in die Knie gezwungen wird. 

Im Gedenken an den jüngst von Polizisten getöteten Afroamerikaner George Floyd knien Menschen auf die Straße .Sie protestieren damit gegen jede Form von Rassismus. Es sind nicht die geballten Fäuste, die wiederum Gewalt provozieren, sondern es sind gebeugte Knie, die auf Gegengewalt verzichten. Die Menschen knicken nicht vor einer stärkeren Macht ein oder geben resigniert auf .Sie leisten Widerstand indem sie niederknien. Sie zeigen sich von ihrer schwachen und ohnmächtigen Seite und demonstrieren doch ihre Stärke. Mich haben diese Bilder sehr berührt. Es ist bewegend, wenn ein weißer Erzbischof neben einem schwarzen Polizisten kniet oder wenn ein schwarzer Student auf den Knien eine weiße alte Frau umarmt. In solchen Momenten stimmt eben jedes Schwarz-weiß-Denken nicht mehr. Da zeigt es sich, wenn auch sehr verletzlich, dass wir alle nicht aus verschieden Rassen bestehen sondern einfach nur Menschen sind .So vielfältig und bunt wie das Leben  selbst.

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Aufstehen in dem man niederkniet. Ich spreche heute in den SWR 4 Sonntagsgedanken darüber, wie das Knien in jüngster Zeit zum Protest gegen jede Form von Rassismus geworden ist. Wenn die Demonstranten niederknien, wollen sie damit kein religiöses Bekenntnis ablegen: “Da seht, was für fromme Menschen wir sind!“ Und doch hat es für mich sehr viel mit der Botschaft Jesu zu tun. Für ihn zählt jeder Mensch. Das sehen wir in der Bibel. Jedem begegnet Jesus mit Respekt und Anerkennung 

Ich verstehe nicht, wie man mit der Bibel in der Hand posieren und gleichzeitig Farbige als Menschen zweiter Klasse behandeln kann. Ich verstehe nicht, dass der Traum von Martin Luther King immer noch nicht wahr geworden ist, dass es immer noch Gewalt zwischen der farbigen und der weißen Bevölkerung gibt. Ich verstehe die Demonstranten. Es ist Zeit nieder zu knien.

Als erstes um unsere Schuld zu bekennen. Rassismus fällt nicht vom Himmel.er wächst in unseren Herzen und Gedanken und schleicht sich ganz heimlich in unserem Alltag ein. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Das ist eben nicht bloß ein harmloses Kinderspiel, es ist bitterer Ernst. Ein junger Afrikaner, der täglich mit dem Bus fährt, erzählt, dass sich nie jemand neben ihn setzt. Lieber würden die Leute stehen. Und  wie viele sind es, die schnell wieder die Tür zu machen, wenn der Bewerber um die ausgeschriebene Wohnung schwarz ist. Das sind keine Schauermärchen, sondern Blitzlichter aus dem täglichen Leben/das passiert jeden Tag.

Aber selbst wenn alle jetzt knien würden, wäre das Entscheidende noch nicht getan. Es reicht nicht spontan seine Solidarität zu bekunden und alles bleibt beim Alten. Unsere Einstellungen und Haltungen müssen sich ändern, damit sich dann auch an den Verhältnissen etwas ändert. Natürlich kochen die Fremden bei uns anders, reden sie anders, hören sie andere Musik und nicht immer ist die Nachbarschaft ohne Komplikationen, das sei gar nicht beschönigt. Sie sind fremd und ihre Kultur mag für uns fremd sein, aber sie sind Menschen wie wir und haben die gleichen Bedürfnisse.

Auf meinem Schreibtisch steht eine schwarze Madonna/Muttergottes mit einem schwarzen Jesus-Kind. Das mag historisch falsch sein, weil Maria und Jesus eben aus Palästina kommen und nicht aus Uganda. Und doch ist es menschlich richtig. Weil alle Farben der Menschen zu Maria und Jesus passen. Gott macht keinen Unterschied. Jedes Menschenkind trägt seine Züge .In jedem Gesicht, ob schwarz oder weiß oder gelb oder rot schaut uns das Gesicht Gottes an. Er hat nicht Rassen geschaffen, sondern Menschen. Vor diesem Gott knien heißt darum aufstehen für jedes seiner Geschöpfe, weil  jedes Leben zählt.

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