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SWR4 Feiertagsgedanken

Vor einigen Wochen war ich mit jungen Menschen zusammen, um mit ihnen ihre Hochzeit vorzubereiten. Das war noch vor der schrecklichen Pandemie, die uns jetzt zwingt, zuhause zu bleiben und die so viele Menschen bedroht und in Angst und Sorgen versetzt. Bei unserem Treffen haben wir miteinander ein Bild angeschaut. Es hat auf den ersten Blick nichts mit Hochzeit zu tun. Sein Titel: Gang nach Emmaus. 

Das Bild zeigt ein biblisches Motiv, das mich in diesen Tagen besonders berührt. Zwei Menschen gehen, oder besser gesagt, schleppen sich auf ihrem Weg. Sie tragen eine schwere Last. Sie mussten miterleben, wie ihre große Hoffnung an einem Kreuz zunichte gemacht wurde. Sie hatten ganz auf Jesus gesetzt und geglaubt, dass er der so lang ersehnte Retter sei. Und nun dieses Ende. 

Und während sie so mit schweren Herzen unterwegs sind, begegnet ihnen ein Mann, der sich ihrem Weg anschließt und mit ihnen ins Gespräch kommt. Genau dieser Augenblick wird auf dem Bild dargestellt. Wir sehen neben den beiden einen Unbekannten, der nur ganz leicht in seinen Umrissen angedeutet wird. Einer der dabei ist und doch nicht erkannt wird. Einer, der sich zuwendet und doch eigenartig fremd bleibt.  Aber sie gehen in die gleiche Richtung und einer der beiden Jünger versucht ganz zaghaft seine Hand auf die Schulter des Unbekannten zu legen. Als möchte er sagen: „Bleib doch bei uns, es ist gut dass wir jetzt nicht allein sind“. Und der Unbekannte lässt diese Berührung geschehen und scheint den beiden anderen noch intensiver zuzuhören. 

Es ist trotz der dunklen Gewänder, in die die beiden Jünger gehüllt sind, ein hoffnungsvolles Bild. Nicht weil es am Horizont hell zu werden beginnt, sondern weil Menschen miteinander einen Weg gehen, sich gegenseitig tragen und annehmen und weil sie zum Glück  miteinander das teilen können, was ihnen so schwer auf dem Herzen liegt. Einer von den Brautleuten, mit denen ich das Bild angeschaut habe, hat es auf den Punkt gebracht: “Zwei gehen zu dritt“.  

„Zwei gehen zu  dritt“! Ich spreche heute in den SWR 4 Feiertagsgedanken über eine biblische Geschichte, die von einer ganz besonderen Weggemeinschaft erzählt. Zwei gehen zu dritt. Schon unterwegs haben die Jünger gespürt, dass der Unbekannte ein besonderer Mensch sein muss. Die Art wie er zuhört, wie er redet, wie er sich in der Bibel auskennt! Aber erst am Abend, als er mit ihnen das Brot teilt, gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen Jesus, der die ganze Zeit mit ihnen gegangen ist. 

Mich bewegt diese biblische Geschichte in diesen Tagen besonders. Wie alle anderen auch bleibe ich zurzeit in meiner Wohnung, genieße aber die Spaziergänge in den anbrechenden Frühling. Dabei treffe ich viele, die allein oder zu zweit unterwegs sind, und plötzlich scheint möglich, was vorher oft nicht passiert ist. Wir schauen uns an, wir grüßen einander und sprechen ein paar kurze Worte, wenn auch bei gebührendem Abstand; und plötzlich merken wir, wie wir alle in der gleichen Situation sind. Mir tut so eine freundliche Begegnung gut, und ich bin dankbar, dass ich immer wieder ein aufmunterndes Wort gesagt bekomme. 

Die gegenwärtige Krise erzeugt viele Ängste und Sorgen. Sie bewegt aber auch viele Menschen, anderen beizustehen und ihre Hilfe anzubieten. Ich denke an die Jugendlichen, die für andere einkaufen oder an Kinder, die für die Bewohner unserer Pflegeheime einen Ostergruß malen. Besonders beeindrucken mich die vielen Frauen und Männer in den Pflegeheimen und Krankenhäusern oder bei den Rettungsdiensten, die nach wie vor auf dem Posten sind und sich der erkrankten und Pflegebedürftigen annehmen. 

Auch wenn wir dieses Jahr Ostern nicht mit feierlichen Gottesdiensten begehen können, es findet dennoch statt. Womöglich viel handfester als sonst. Die Emmaus Geschichte zeigt es. Wo immer Menschen miteinander ihre Last teilen, wo keiner allein gelassen wird und wir einander zuhören und beieinanderbleiben, dort ereignet sich Ostern, dort erleben wir, was wir sonst in feierlichen Gottesdiensten gesungen hätten: Die Liebe ist stärker als der Tod. Die Liebe, die über alle Grenzen hinweg Menschen zusammenbringt, die Liebe, die nicht nur nach dem eigenen Vorteil fragt und hamstert, was es zu hamstern gibt, die Liebe, die sich nicht zu schade ist, einem anderen beizustehen, auch wenn für einen selbst dabei nichts herausspringt. 

Auf dem Emmaus-Bild, von dem ich vorher gesprochen habe, sieht man die Gestalten nur von hinten. Und man sieht vor allem keine Gesichter. Alle drei könnten Ihr oder mein Gesicht tragen. Es ist unsere Geschichte, egal auf welchen Wegen wir gerade unterwegs sein müssen. Hoffentlich mit einem an unserer Seite, der mitgeht, mitleidet, und ein Stück Brot hat, das er mit uns teilt. Damit auch wir sagen können: „Zwei gehen zu dritt“.

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