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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30SEP2019
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„Ich habe richtig gezittert.“ Hat die junge Frau erzählt, die in der Kirche vorlesen sollte. Normalerweise kann sie ganz ruhig reden vor anderen.

Zittern. Wahrscheinlich kennen viele von Ihnen das. Manchen passiert es vor Aufregung, bei vielen ist es auch immer da und macht einem unmissverständlich klar. Du bist nicht perfekt. Du auch nicht.

Mir zittert öfter die rechte Hand. Ich habe lange versucht, das zu überspielen, wechsle die Hand. Ist es peinlich, wenn offensichtlich wird, dass wir nicht perfekt sind? Eigentlich weiß ich doch, niemand ist perfekt.

Von einem Kollegen habe ich Gedanken gelesen, die mir gut tun gegen dieses Gefühl der Peinlichkeit. Er zittert auch und hat entdeckt: wir stehen mit unseren Schwächen in einer Reihe mit großen Unperfekten.

„Moses hat wohl gestottert“ schreibt der Kollege, „Sokrates war ausnehmend hässlich. Aristoteles Epileptiker… Bei Mozart besteht Verdacht auf Tourette-Syndrom. Frida Kahlo litt an Kinderlähmung. Stephen Hawking, der große Physiker, an der Nervenkrankheit ALS. Helen Keller war taubblind. Jürgen Habermas, der große deutsche Philosoph kam mit einer Gaumenspalte zur Welt. Lady Gaga hat neben Bulimie eine Auto-Immun-Krankheit. Und Greta Thunberg das Asperger Syndrom.“ (Thorsten Latzel)

Wenn ich mir das durch den Kopf gehen lasse, wie arm wäre unsere Welt ohne all diese Menschen, die nicht perfekt waren und vielleicht gerade darum so wichtiges geschafft haben und schaffen.

Dann hat der Kollege noch einen Gedanken gehabt: Eigentlich sind wir doch nur zwischen 15 und 40 Jahren einigermaßen „erwachsen gesund“:
Vor 15 ist man als Mensch noch nicht fertig. Und nach 40 spürt wahrscheinlich jeder irgendwo wie er oder sie „unperfekt‘ wird. Ganz abgesehen von Menschen, die ein schweres körperliches und psychisches Leid erleben.

Und wie lebt man, mit Zittern und den anderen Zeichen, dass man als Mensch verletzlich und nicht perfekt ist?

Vielleicht können wir uns ja an Mose, an Mozart, an Lady Gaga und Greta Thunberg orientieren. Sie müssen alle irgendwann mal verstanden und akzeptiert haben. Wir sind so. Und vielleicht hat sie auch gerade die Tatsache, dass sie selber nicht perfekt waren, auch sensibel gemacht und aufmerksam. Und sie haben ihr Handicap und ihre Begabung angenommen, als ihre Berufung angenommen.

Und ich glaube, zu etwas Gutem berufen von Gott ist jeder und jede von uns. Vielleicht folgen wir der am besten, wenn wir einfach leben, nicht perfekt, aber vor allem, ohne dass wir uns peinlich sind.

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