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SWR4 Sonntagsgedanken

22SEP2019
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»Die Welt ist nicht genug«. Das ist der Titel eines James-Bond-Films, der Ende der 1990er-Jahre gedreht wurde. In einer Schlüsselszene sagt die böse Heldin Elektra sinngemäß zu James Bond, dass sie ihm die Welt zu Füßen legen könnte, wenn er sich nur auf sie einlassen würde. Darauf antwortet Bond kühl, aber nicht unfreundlich: »Die Welt ist nicht genug « 

Ich habe in den vergangenen Wochen viele Menschen erlebt, die sich auf oft wochenlange Pilgerwege gemacht haben, um schlussendlich ihr Ziel in Santiago de Compostela zu erreichen. Was hat sie veranlasst ihr gemütliches Haus mit einer einfachen Herberge zu tauschen, oder ihr schickes Auto mit einem Rucksack? Kommt man mit Pilgern ins Gespräch, erfährt man  sehr schnell, dass sie viele Fragen an ihr Leben haben. Sie suchen eine tragfähige Antwort. Und so verschieden die Menschen sind, so verschieden sind ihre Fragen und die Antworten. 

Was für eine Vielfalt, was für eine bunte Welt sich Tag für Tag vor der Kathedrale von Santiago versammelt, ist für mich tief berührend: Es sind Menschen aus allen Kontinenten, mit unterschiedlichen Sprachen und Weltanschauungen, und doch scheinen sie in einem einig: “Die Welt ist nicht genug“. In (so) vielen Augen ist eine ganz große Sehnsucht zu entdecken. Es ist die Sehnsucht nach dem, was (scheinbar) nichts und niemand in der Welt erfüllen kann. Manche sind aus einem stressigen Job ausgestiegen, weil sie sagen, das kann doch nicht alles sein. Manche suchen bewusst auf dem Pilgerweg ein ganz einfaches Leben, weil sie den materiellen Überfluss satt haben. Andere brauchen eine Auszeit, weil sie sich selbst wieder finden wollen. Es gibt auch die, die einfach bloß mal weg wollen.

 Ja, und die gibt es auch, mehr als ich dachte: die Gottsucher. Ich denke an einen jungen Mann, der mir erzählt hat, wie er einfach mal den Jakobusweg machen wollte, ohne genau zu wissen, warum. Und dann tief bewegt davon berichtet, wie unterwegs in ihm die Frage und die Sehnsucht nach Gott aufgebrochen sind. Er war immer wieder begeistert, durch welche herrlichen Landstriche er pilgern konnte. Das hat ihn nicht unberührt gelassen. Irgendwann stellte sich ihm die Frage „woher und warum das alles?“ Sicher werden andere ähnliches von ihrem Weg erzählen und dann jedes Mal die  Erfahrung von James Bond bestätigen: Die Welt ist nicht genug.  

Teil 2

„Die Welt ist nicht genug“ .Ich spreche heute in den Sonntagsgedanken von SWR 4 über eine große Sehnsucht, die viele Menschen umtreibt und im wahrsten Sinn des Wortes „bewegt“. Nicht ohne Grund wurde einmal der bedeutende Pilgerweg nach Santiago de Compostela als Weg der Sehnsucht bezeichnet Der deutsche Schriftsteller Günter Kunert hat diese Sehnsucht folgendermaßen beschrieben: Ich bin ein Sucher eines Weges. Zu allem was mehr ist als Stoffwechsel, Blutkreislauf, Nahrungsaufnahme, Zellenzerfall.Ich bin ein Sucher eines Weges der breiter ist als ich. Nicht zu schmal. Kein Ein-Mann-Weg. Aber auch keine staubige, tausendmal überlaufene Bahn.Ich bin ein Sucher eines Weges. Sucher eines Weges für mehr als mich. 

Kunert ist 1979 aus der DDR ausgewiesen worden. Ich weiß, dass er in einem Gespräch bekannt hat: "Ich bin in einem völlig religions- und glaubensleeren Raum aufgewachsen. Weder das Christentum noch das Judentum  haben für mich jemals eine Bedeutung gehabt." Deswegen möchte ich ihn nicht religiös vereinnahmen! Aber der Schluss seines Gedichtes ist so offen, dass ich mir erlaube, auch Gott darin unterzubringen. In wenigen Sätzen beschreibt Günter Kunert, was unser Leben zutiefst prägt. Wir sind Suchende und spüren, dass wir uns selber nie genügen. Die Bibel beschreibt den Menschen ähnlich. Sie sieht ihn ebenfalls als suchenden und pilgernden Erdenbewohner, der nirgendwo ganz zuhause ist. Aber letztlich nichts sehnlicher verlangt als genau dies: ankommen und erwartet werden und in einer liebenden Umarmung aufgehoben zu sein. 

Oft werde ich gefragt: „Was macht für dich den Unterschied aus von Wandern und Pilgern?“ Ich antworte dann immer mit Hape Kerkeling. In seinem Buch über den Jakobsweg schreibt er: „Man wandert mit den Füßen und pilgert mit den Herzen“. Für mich heißt Pilgern: auf sein Herz hören lernen. Vielleicht höre ich dann, dass ich mehr Zeit für mich brauche oder dass ich neue Wege in meinem beruflichen Alltag suchen sollte oder dass ich in meinen Beziehungen Klarheit schaffen  möchte. .Pilgern heißt für mich auch, unterwegs vielen Fremden zu begegnen, die mir dann zu Gefährten werden und schließlich immer wieder von Gott überrascht werden, der auf allen Wegen mitgeht, auch wenn ich es oft nicht merke oder spüre. 

Pilgern kann ich überall. Es muss nicht der Jakobusweg sein oder ein anderer der bekannten Wege. Pilgern  kann ich immer dann, wenn ich nach innen höre und aufmerksam bleibe, für das, was mein Herz wirklich sucht. Und vielleicht sage ich dann auch, wie James Bond: “Die Welt ist nicht genug!“

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