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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23APR2019
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Manchmal haben wir Theologen schon eine eigenartige Sprache. „O unfassbare Liebe des Vaters, um den Knecht zu erlösen, gabst Du den Sohn dahin. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast Du gefunden.“ So heißt es im feierlichen Lobgesang auf die neue Osterkerze. Glückliche Schuld, was für eine verrückte Idee. Wie kann eine Schuld glücklich sein? Gehen Sie mit mir ein Stück durch die Bibel, dann kann manches klar werden.

Kommen Sie mit ins Lukasevangelium. Ins 15. Kapitel. Zum Text vom barmherzigen Vater. Er wird auch die Geschichte vom verlorenen Sohn genannt. Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngere ist ein Draufgänger, der vieles tut, was falsch ist. Der ältere dagegen ist verantwortungsbewusst. Sieht zu, dass er alles richtig macht, nicht schuldig wird. Der Vater soll mit ihm zufrieden sein.

Der jüngere Sohn geht mit seinem Erbteil weg. Als er kein Geld mehr hat, will er zum Vater zurückkehren. Er will darum bitten, eine Anstellung zu bekommen. Er ist sich sicher, dass er seine Rolle als Sohn verspielt hat. Der Vater aber freut sich, dass sein Sohn gesund nach Hause gekommen ist. Es ist die „unfassbare Liebe des Vaters“, die all das Geschehene zudeckt, Schuld verzeiht, und einen neuen Anfang möglich macht. Der Vater feiert ein großes Fest mit dem verlorenen Sohn.

Der ältere Sohn will nicht mitfeiern. Er ist eifersüchtig. Wegen ihm hat der Vater noch nie ein Fest veranstaltet. Dabei hat er doch immer alles richtig gemacht.

Die Liebe des Vaters zu ihm ist genauso groß, wie zum jüngeren Bruder. Aber er kann sie für sich nicht erleben. Und da wird mir bewusst, dass dieser ältere Sohn der eigentlich verlorene Sohn ist. Eben nur auf eine andere Art. Verloren in all seinen Pflichten sieht er nicht mehr, was direkt vor ihm zum Greifen nah ist: Die „unfassbare Liebe des Vaters“. Er kann sie nicht annehmen.

Vielleicht fehlt ihm die Erfahrung, um Entschuldigung zu bitten. Und wie befreiend das ist, wenn einem die Schuld vergeben wird.

Natürlich, kein Mensch ist ganz frei von Schuld. Aber wenn sie mir gar nicht als Schuld bewusst ist, spüre ich sie eben nicht.

Vielleicht müsste der Ältere auch mal so richtig daneben langen, schuldig werden. Um seine Schuld zu spüren. Und dann den Vater um Vergebung bitten. Dann kann auch er die unfassbare Liebe des Vaters am eigenen Leib spüren.

Und plötzlich verstehe ich, wie klug und menschlich das ist: O glückliche Schuld.

 

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