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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„S’goht drgega“. Diese Redewendung gehört zur schwäbisch-alemannischen Fasnacht. Ohne zu wissen, was diese Redewendung genau bedeutet, hatte ich bisher meine eigene Übersetzung dafür. „S’goht drgega“ oder „es geht dagegen“ soll heißen, dachte ich: Alles ist anders. Für Macht und Ohnmacht gelten andere Regeln. Ganz lebendig ist das ja heute am Schmotzigen, wenn die Narren Rathäuser stürmen und Bürgermeister entthronen. Oder wenn sich hochrangige Politiker Narrengerichten stellen müssen. Sinnbild dafür, dass an diesem einen Tag das niedrige Volk, die kleinen Leute, die Narren das Sagen haben. Das ist auf jeden Fall eine der Wurzeln für die Fasnacht. Der Name für die 5. Jahreszeit ist je nach Region verschieden. Aber Fasenacht, Fasnet, Fasching und Karneval haben einen gemeinsamen Ursprung im Mittelalter. Beim „Fest der Narren“ sind fromme Priester und hoch angesehene Bürger mit Masken durch die Straßen gezogen und haben sich lustig gemacht über Gott und die Welt. Selbst die höchsten Persönlichkeiten mussten damit rechnen, auf den Arm genommen zu werden. Die Ordnung der Welt nach menschlichen Maßstäben wurde auf den Kopf gestellt. Darum geht es auch bei der Weiberfasnacht heute. Waschfrauen aus dem Rheinland haben dieses Fest erst vor 200 Jahren eingeführt um die Ordnung der Männerwelt zu stören. Auch den Frauen ist es darum gegangen, sich der Macht ihrer Ehemänner zu widersetzen.

S’goht drgega bedeutet in der schwäbisch-alemannischen Fasenacht eigentlich nur: Es geht der Fasnacht entgegen. Mir gefällt meine Übersetzung viel besser und inhaltlich ist sie ja nicht falsch: Alles ist anders während der närrischen Tage. Für Macht und Ohnmacht gelten andere Regeln. Nicht zufällig wird Jesus in der Kunst auch als Narr dargestellt. Als einer, der eine verkehrte Welt verkündet. Veränderte Machtverhältnisse. Eine Welt, in der die Ersten die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten. In der die Hungernden beschenkt werden und die Reichen leer ausgehen. Eine Welt in der Menschen gestürzt werden, wenn sie ihre Macht missbrauchen. Eine Welt, in der jeder Mensch wertvoll ist ganz unabhängig davon wieviel Geld er hat oder welche Herkunft und was er leistet. Die närrischen Tage verändern unsere Machtverhältnisse nicht. Aber sie halten die Erinnerung wach, dass manches daran nicht stimmt.

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