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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Beim Erben, sagt man, hört der Spaß auf. Ein Anwalt, der oft damit zu tun hat, hat mir erzählt, dass er immer wieder überrascht sei, worum es bei Erbstreitigkeiten oft geht. „Manchmal sehe ich Menschen vor mir sitzen, die wieder zu Kindern werden“, sagte er, „zu Kindern, die miteinander um die Liebe der Mutter oder die Anerkennung des Vaters rivalisieren, ein letztes Mal.“ Nur so lässt sich vielleicht erklären, warum erwachsene Menschen erbittert um ein paar angeschlagene Kaffeetassen streiten können, oder um eine alte Baumsäge. Es scheint eine schwierige Sache zu sein, das Erben.

Ich glaube, das lässt sich auch auf die Religionen übertragen. Das Judentum, das Christentum und der Islam, diese Religionen sind gleichsam wie drei Geschwister, die gemeinsam ein großes Erbe bekommen haben. Und jedes beansprucht für sich, der rechtmäßige Haupterbe zu sein, das Lieblingskind, dem der Vater seinen Nachlass anvertrauen wollte.

Ein Dichter hat dieses gemeinsame göttliche Erbe einmal mit einem kostbaren Ring verglichen, den der Vater seinen drei Kindern hinterließ. Der Ring hatte eine besondere Kraft: Wer ihn trägt, wird ein gerechter, mitfühlender Mensch, der von allen geschätzt und geachtet wird. Der Vater hatte aber nur einen solchen Ring und doch waren ihm alle seine Kinder gleich lieb. Deshalb ließ er zwei Kopien anfertigen, so konnte er jedem Kind einen Ring vererben. Die Kopien waren so gut, dass man äußerlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, welcher der drei Ringe denn nun der ursprüngliche war. Die Echtheit sollte sich anders beweisen: nicht durch den Ring selbst, sondern durch den, der ihn trägt. Der Träger muss durch sein Leben unter Beweis stellen, dass er den echten Ring am Finger hat.

Der Dichter, der das erzählt hat, ist Gotthold Ephraim Lessing. Heute jährt sich sein Todestag. Schade nur, dass in den Jahrhunderten seit seinem Tod noch nie jemand gesagt hat: Das ist doch genial, das versuchen wir jetzt mal, wir Juden, wir Christen, wir Muslime. Lasst uns doch freundlich und friedlich darum wetteifern, wer die menschlichste Religion hat, die am meisten Liebe, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Frieden in die Welt bringt.
Vielleicht sollten wir das ausprobieren, wir Kinder und Erben des einen Vaters.

 

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