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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der alte Indianer, so erzählt eine Geschichte, saß mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel. Lange schwiegen sie, dann sagte der Alte: “Manchmal fühle ich mich, als würden zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere dagegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.” „Und welcher der beiden Wölfe wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.“ „Der, den ich füttere”, antwortete der Alte.

Auf diese Geschichte stieß ich genau zur richtigen Zeit. Es gab eine unschöne Situation, bei der ich mich sehr geärgert hatte, über Strukturen, die ich nicht ändern konnte, über Personen, die ich als arrogant und unzuverlässig empfunden hatte, und über mich selbst, weil ich auch nicht souverän damit umgehen konnte. Noch einige Zeit später war da in mir so ein Bodensatz an Groll, der immer wieder aufgerührt wurde, wenn ich daran zurückdachte.

Dann habe ich diese Geschichte von den beiden Wölfen gehört – und fing also an, genauer hinzuschauen, wie’s den beiden bei mir denn so geht. Dabei fiel mir auf: Der Wolf, der nachtragend und aggressiv ist, stand ganz gut im Futter – klar, den hatte ich ja auch eine ganze Weile gemästet. Mit meinem Ärger, meiner verletzten Eitelkeit, meinem Groll. Und der andere, der liebevolle, sanfte und mitfühlende, der ist darüber zu kurz gekommen, geradezu ausgehungert hatte ich ihn. Jetzt sollte er mal eine Extraportion ‚Futter‘ bekommen. Ich habe mir die Personen, mit denen ich nicht klar gekommen war, vorgestellt und versucht, mich in sie hineinzuversetzen. Und tatsächlich: Sie waren ganz ähnlich wie ich, auch sie wollten ihre Sache gut machen, auch sie mussten sich an ihre Vorgaben halten, auch sie hatten ihre persönlichen Grenzen und Eitelkeiten. Genau wie ich. Als ich das erkannt habe, konnte ich freundlicher auf die Sache schauen, und mein Ärger wurde weniger, am Ende war er ganz verflogen. Ich hatte den richtigen Wolf gefüttert.

Die beiden ‚Wölfe‘, sie sind ein Bild für ganz unterschiedliche innere Kräfte und Gefühle, die mich gerade leiten. Es hilft mir, mich selbst zu verstehen. Und es hilft mir, verständnisvoller und barmherziger zu schauen, auf andere, und auf mich.

 

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