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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich höre gern zu. Zum Beispiel, wenn Menschen, die viel älter sind als ich, von sich erzählen. Und besonders aufmerksam werde ich, wenn es Menschen sind, die ihr Leben unauffällig gelebt haben, ihr persönliches, einmaliges Leben, das glücklich war und mühsam, reich und karg, schön und schwer.

Eine von diesen Stillen, Unauffälligen ist Waltraud. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, stand sie in der Küche eines Vereinsheims und hat Berge von schmutzigen Tellern und Gläsern gespült. Ich fand die scheue, zierliche Frau gleich sympathisch, aber es war nicht leicht, mit ihr Kontakt zu bekommen. Erst nach und nach hat sie erzählt, auch, wie das war in ihrem Leben. Wie sie erst auf dem Hof ihrer Eltern gearbeitet hat, dann die Eltern und eine Tante gepflegt, und als sie gestorben waren, fing sie an, in einer Näherei zu arbeiten. Spät hat sie einen Mann kennengelernt. Der war verwitwet und brauchte eine Frau, die ihn und seine halbwüchsigen Söhne versorgte. Nach der Heirat hat sie bemerkt, dass der Mann gewalttätig war und dazu ein Trinker. Waltraud hielt aus, auch für die Kinder. Er wurde bald krank, und sie hat ihn gepflegt, bis er schließlich starb. Als sie selbst alt geworden war, war sie auch noch arm, denn für das Meiste, was sie in ihrem Leben geleistet hat, wird keine Rente bezahlt. Sie hat’s genommen, wie sie alles genommen hat in ihrem Leben. Ohne Aufbegehren, ohne Empörung, auch ohne viele Worte. „Der Herrgott hat immer geholfen“, das war das Einzige, was sie dazu sagen konnte.

Heute beurteilt man Vieles anders, würde Waltraud ermutigen, dass sie sich behauptet und aufbegehrt. Dass sie nicht alles gottergeben hinnimmt, was ihr das Leben schwer macht. Aber es war ihre Art. Und auch wenn es nicht meine Art wäre, ich habe großen Respekt vor ihr und ihrem Leben, das sie so unauffällig und doch so tapfer gemeistert hat.

Eine französische Schriftstellerin schreibt in einem geistlichen Tagebuch: „…wir haben vergessen, dass es Äste gibt, die im Feuer verbrennen, und dass es Bretter gibt, die unter unseren Tritten langsam abgetreten werden. Wir haben vergessen, dass es nicht nur Fäden gibt, die man mit der Schere durchschneidet, sondern auch Fäden in einem Kleidungsstück, die täglich dünner werden am Körper dessen, der es trägt.“[1]


 

[1]Früchte bringen in Geduld, in: Madeleine Delbrêl, Der kleine Mönch. Ein geistliches Notizbüchlein

 

 

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