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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist immer ganz besonderer Moment für mich, wenn ich die letzten Sätze eines Romans lese. Vor allem wenn mich ein Roman über Wochen oder gar Monate begleitet hat und dann zu Ende geht. Es hat etwas stark Abschiedliches, ja einen Hauch von Tod für mich, weil wie im richtigen Leben, das den Roman umgibt, die letzten Sätze besonders bedeutungsvoll sind. Und so wie ein verstorbener Mensch nie mehr zu hören sein wird, so ist der Rest der Seite auf der die letzten Sätze stehen leer, unbedruckt, weiß.

Ich hätte so viele Beispiele wunderschöner letzter Sätze, die das Wesen eines Buches in sich tragen, es in diesen letzten Sätzen noch einmal bündeln, die dankbar zurückschauen oder kraftvoll nach vorn. Letzte Sätze, die all das vorher Gesagte in einer wundervollen Schwebe halten oder die die großen Themen großer Romane ein letztes Mal auf den Punkt bringen: Das Leben, die Liebe, den Tod. Zu gern würde ich viele von ihnen nennen, von diesen wunderschönen letzten Sätzen, aber ich würde sie aus dem Zusammenhang reißen und durch ein Hintereinanderreihen entwerten. Darum zitiere ich nur eine Passage eines Romans, den ich dieses Jahr gelesen habe und der mich sehr berührt hat. Es sind die letzten Sätze des Romans „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff. In diesem Roman geht es nicht nur, aber vor allem um die Beziehung des Autors zu seinen liebenswert skurrilen Großeltern. Und am Ende des Romans beschreibt er wie die liebevolle Erinnerung seine verstorbenen Großeltern lebendig hält. Er schreibt: „Kaum, dass ich an sie denke, sind sie auch schon da. Sitzen in ihrem Sessel und stoßen mit mir an. Verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Es kommt mir so vor, als würde es sie freuen, wenn ich mich an sie erinnere. Mit offenen Armen empfangen sie mich und der Unterschied zu einem echten Besuch bei ihnen, als sie noch am Leben waren, und einem Gedankenbesuch, verfliegt. Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir. Ganz und gar lebendig.“

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