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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt Fragen, die können einem das Leben richtig schwer machen. In die kann man sich verbeißen und die lassen einen dann nicht mehr los.
Und es gibt Zeiten, da drängen sie sich noch mehr in den Vordergrund als sonst.
„Jetzt an Weihnachten mache ich mich ganz verrückt mit meinen Fragen“ sagt mir eine Freundin. „Warum muss das gerade mir passieren? Und warum gerade jetzt?“
Ihr Mann hat sie vor ein paar Monaten verlassen. Und sie ist immer noch ganz wütend und traurig und voller Fragen.
Ich kenne einen alten Herrn. Der ist auch allein. Doch ich merke, er kommt besser damit zurecht. Er geht auch ganz anders um mit seinen ungelösten Fragen.
Und ich frage mich, wie macht er das eigentlich?
Vielleicht, indem er nicht kämpft, sondern annimmt, was er nicht ändern kann.
Er sagt sich nämlich selbst: „Das musst du tragen.
Was du nicht ändern kannst, gegen das musst du auch nicht kämpfen. Das musst du tragen.“
Das ist sicher kein Ratschlag für alle schwierigen Situationen im Leben.
Aber manchmal stimmt er doch.
Manchmal gibt es auf die ungelösten Fragen im Leben einfach keine Antwort. Man kann sich nur darin üben, sie auszuhalten. Auch wenn es schwer ist. Auch, wenn es mal mehr und mal gar nicht gelingt.
Von dem alten Herrn lerne ich: Die ungelösten Fragen gehören dann einfach dazu, zu mir als Mensch. So wie eine Krankheit dazu gehört. Oder eine Behinderung. Oder der Verlust eines Menschen.
Die meisten unserer großen Probleme lösen sich nicht von heute auf morgen.
Aber wir haben die Chance, mit der Zeit in eine Lösung „hineinzuwachsen“.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das einmal so aufgeschrieben:

„Und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen
und versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten….
Leben Sie jetzt die Fragen.
Und vielleicht leben Sie dann allmählich,
ohne es zu merken, eines fernen Tages
in die Antwort hinein.“


Vielleicht wird meine Freundin irgendwann einmal verstehen, was Gott ihr da in ihr Lebensbuch hinein geschrieben hat. Bis dahin aber braucht sie viel Glaube, Liebe und Hoffnung von uns anderen. Sonst kann sie Ihre vielen Fragen nur ganz schwer aushalten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2694