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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal habe ich Angst, dass ich den Überblick verliere. Zu viele Verpflichtungen, zu viele Termine. Der Dachboden zu voll, der Kleiderschrank auch. Zu viele Kochbücher – wo stand noch mal dieses leckere Rezept? Da muss ich jetzt wohl ein neues Kochbuch kaufen, in dem ich das Rezept wiederfinde. Und wie oft weiß ich nicht, was ich anziehen soll – wahrscheinlich weil der Kleiderschrank zu voll ist. Dann kaufe ich etwas Neues. Aber so wird der Kleiderschrank immer voller. Manchmal denke ich, mein Leben wächst mir über den Kopf.

Ich beobachte, dass es zwei Möglichkeiten gibt in so einer Situation:
Die eine: Man kann sich zurückziehen ins Privatleben, hinter Hecken und Zäune. „Ich habe genug mit mir selbst zu tun,“ das sagen ja viele. „Ich kann mich nicht auch noch um andere kümmern“. Für sich bleiben also, damit das Leben wenigstens einigermaßen übersichtlich bleibt.

Oder zweitens: Man kann anfangen, um sich herum aufzuräumen. Sich Luft verschaffen, erst mal in den eigenen vier Wänden. Aufräumen in Küche und Keller, Kleiderschrank, Bad und Bücherregal. Da, wo einen das viel zu viel, das sich angesammelt hat, zu ersticken droht. Wo alles so kompliziert geworden ist, dass man das Gefühl hat: Für mehr als das habe ich keine Kraft. Da kann man anfangen zu entrümpeln und zu entsorgen. Ent-sorgen ist ja eigentlich ein schönes Wort.

Ich glaube, Jesus hat auch das gemeint, als er gefragt hat: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt besitzt, aber an seiner Seele Schaden nimmt?“ (Lk 9,25) Das viele, das ich kaufe und anhäufe und aufhebe – das bedrückt mich irgendwann. Meine Seele ist nur noch damit beschäftigt, den Überblick zu behalten. 20 Paar Schuhe, aber in keinem kann ich richtig gut laufen. 10 Handtaschen – aber immer sind sie am Ende zu schwer. Das, was ich habe, macht mir Sorgen. Deshalb kann ich mich nicht um anderes kümmern und schon gar nicht um andere.

Ich gebe zu, das ist ein bisschen überspitzt. Und vielleicht ist es auch eine Typfrage. Ich gehöre halt nicht zu den Sammlern und Jägern. Aber seit ich angefangen habe aufzuräumen (die Gelegenheit ist gerade günstig, im Fernsehen gibt es abends fast nur Wiederholungen), merke ich, wie ich freier werde. Ich überlege: Brauche ich das wirklich? Macht es mir Freude, was ich habe? Oder ist es eigentlich total überflüssig? Was mir Freude macht, hebe ich auf. Anderes gebe ich weg und ich werfe auch weg.

Und ich merke: Es macht mich zufrieden. Ich habe mehr Luft. Ich gewinne Zeit. Ich habe Lust, mich um anderes zu kümmern. Und meine Seele atmet auf.

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