Begegnungen

Karl August von Dahl ist ein evangelischer Pfarrer aus der Friedensbewegung.  Ich treffe ihn in seinem Haus im Hunsrück. Wenn ich als Kind den Nikolaus hätte malen müssen – dann genau so, wie diesen Mann, der es sich neben mir auf seiner Wohnzimmercouch gemütlich gemacht hat: Ein langer weißer Bart, wache Augen und ganz viele Lachfalten auf der Stirn des nun 75-Jährigen. Vor 42 Jahren kam er nach Bell. Die Hunsrücker staunten damals nicht schlecht über den Geistlichen, der gern auf zwei Rädern unterwegs war: 

Am Anfang in der Gemeinde war das dann also lustig: wenn ich da zum Beispiel zu einer Beerdigung ankam mit den Motorradklamotten , dann vom Motorrad stieg, alle drehten sich um und guckten, und dann hab ich ein Talar übergezogen und dann war klar unten guckten schwarze Schuhe raus und dann war das genehmigt. War halt klar, das bin ich. Als wir 1976 gewählt wurden hier in Bell als Pfarrersleute, da fragte meine Frau: Und wie ist das mit den langen Haaren und dem Bart? Und da hat der Kirchmeister damals gesagt: Es ist doch viel wichtiger was einer sagt, als wie einer aussieht – und das hat mich schon auch geprägt, diesem Satz gerecht werden zu wollen. 

Gerecht werden – das ist irgendwie Lebensthema des Predigers. Denn er nennt Ungerechtigkeiten  beim Namen. Schon in den 80ern, als er die bis dahin größte Demonstration organisiert, die es jemals in Rheinland-Pfalz gegeben hat. Auf der Bühne neben ihm der junge Udo Lindenberg. Und vor ihm 180.000 Menschen, die für Abrüstung und Frieden demonstrieren. Direkt neben den Mittelstreckenraketen der Amerikaner. „Raketenaugust“ – so nannten seine Kritiker ihn damals. Doch für den Gottesmann ist sein Handeln kein politischer Aktionismus, sondern prophetische Aufgabe, die ganz eng mit seinem Verständnis von Theologie zusammenhängt. 

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die eine bestimmte Art von Frömmigkeit mitbrachte, pietistisch nennt man das – also den Herrn Jesus annehmen als den persönlichen Heiland – das waren so die Sätze, die ich lernte. Und je älter ich wurde, umso kritischer war ich diesen fertigen Sätzen gegenüber und hab dann so als 15/16/17 Jähriger gemerkt – fertige Sätze sind nie tragfähig ich wollte anders Theologie lernen, wollte anders begreifen, um was es dabei geht, und habe die Radikalität im Evangeliums durchaus wie einen Schwamm aufgesogen – weil da eben nicht fertige Dinge drin sind, sondern die ständig neue Auseinandersetzung mit mir selbst und mit dem, was in der Welt los ist und insbesondere mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt.  

Und die gilt es heute vor allem auch im weltweiten Wirtschaftssystem zu benennen, findet der politisch umtriebige Pfarrer, wo oft nicht mehr das Wohl der Gemeinschaft an erster Stelle steht, sondern… 

…dieser Egoismus, diese Ichbezogenheit, die führt –  wie sagt man da heute im Wirtschaftsteil der Zeitung –  zum Turbokapitalismus, zu einem Liberalismus, der mit liberal nichts mehr zu tun hat. Sondern wirkliche Freiheit ist immer auch gefährlich, weil sie mich in die Verantwortung stellt! 

Teil 2 

Pfarrer Karl- August von Dahl, ist seit Jahrzehnten als Friedensaktivist unterwegs. Friedensarbeit hat für ihn viele Aspekte. 

da gehört die Klein-Kleinarbeit in der persönlichen Begleitung von Flüchtlingen dazu, da gehört der Eine-Welt-Laden dazu, da gehört weltweit sich endlos Informationen verschaffen, am besten über irgendwelche Menschen die direkt vor Ort sind, damit nicht europäische Sicht uns nur die Informationen liefert… 

…und deshalb gründet er gemeinsam mit anderen die „Syrienhilfe Vorderhunsrück“ und knüpft direkte Kontakte in die Nachbarstaaten des Bürgerkriegslandes. Der Verein unterstützt verschiedene Projekte: 

wir unterstützen ein Frauenhaus im Libanon, wo Witwen und ihre Kinder leben, die Männer sind umgebracht oder verschwunden in irgendwelchen Gefängnissen in Syrien oder wir unterstützen ein Zeltschulprojekt, die Kinder die im Libanon sind, aus Syrien geflohen, die brauchen doch auch Unterricht…[…] 

Doch Dahl sammelt nicht nur Geld, er will die neuen Nachbarn auch persönlich kennenlernen. Aktuell setzt er sich vor allem für Flüchtlinge aus Afghanistan ein, auch im Kampf gegen drohende Abschiebungen, die für ihn unverantwortlich sind.

Seine Friedensarbeit kostet Kraft und Nerven. Wo tankt so ein Mann auf, der seit Jahrzehnten gegen Ungerechtigkeiten kämpft? Dahl überrascht mich: In den USA. Aber Dahl sieht die Vereinigten Staaten von Amerika ambivalent: 

Ich konnte eine Motorradtour quer durch die USA machen von der Ostküste zur Westküste mit einem Kumpel zusammen und das war auch ganz ganz wichtig, aber dann kam eben genau anschließend an diese Zeit drei Winter lang Arbeit in der Obdachlosenhilfe. Wie unbarmherzig, wie egoistisch dieses gesamte Gesellschaftssystem in den USA ist, das war wichtig als Korrektur aller Bewunderung der USA entgegen. 

Die Ansichten des aktuellen US-Präsidenten teilt er naturgemäß nicht. Umso mehr freut er sich, wenn viele Menschen sein Unrechtsempfinden teilen, auch im SWR-Land: 

Ein tolles Ding: Kallstadt in der Pfalz, wo der Großvater von Trump herkommt, da gab es mal den Vorschlag den Trump zum Ehrenbürger zu ernennen. Das ist knallhart im Stadtrat abgelehnt worden. Ich gratuliere dem Stadtrat! 

Und ich gratuliere Karl-August von Dahl, dass er seinen Humor, trotz aller Ungerechtigkeiten auf dieser Erde nicht verloren hat.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25746
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