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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

In meinem Keller gibt es einen Raum, in dem ich selten bin. Dort lagern Altlasten. Dinge, von denen ich mich schon vor geraumer Zeit verabschiedet habe. Aber weil grad kein Platz in der Mülltonne war, habe ich sie zwischengelagert. Nur kurz.

Und dann ist passiert, was häufig passiert: Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich habe einfach nicht mehr daran gedacht. So viel anderes war zu tun.

So sind wir Menschen: Was wir nicht sehen, vergessen wir. Das gilt nicht nur für Dinge, das geht durchaus auch mit Menschen so.

Ich habe zwei enge Freunde, mit denen ich früher in Kassel vieles gemeinsam gemacht habe. Als ich die Gemeinde in Furtwangen im Schwarzwald übernommen habe und damit weit weg war, haben wir uns vorgenommen, uns regelmäßig zu treffen. Schließlich wollten wir den Kontakt lebendig halten und mitbekommen, wie es den anderen so geht. Zu Anfang hat das auch  geklappt. Aber jetzt ist das letzte Treffen schon Jahre her.

Vergessen habe ich unsere Vereinbarung nie. Sie steht noch auf meiner To-Do-Liste. Doch diese Liste wird mit der Zeit immer länger und manchmal weiß ich gar nicht mehr, was eigentlich am Wichtigsten ist.

Vor einigen Wochen habe ich einen Anruf bekommen. Ein Kollege, der schon lange im Ruhestand ist, mit dem ich vor fast 30 Jahren zusammengearbeitet hatte, rief an und war ganz erstaunt, dass er mich am Apparat hatte.

„Ja,“ hat er gesagt, „ich räume gerade meine Telefonlisten auf und lösche alle Nummern, unter denen die abgespeicherten Personen nicht mehr zu erreichen sind. Und da rufe ich einfach mal der Reihe nach an.“ Offensichtlich muss er wohl öfters niemanden erreicht haben, zumindest deute ich sein Erstaunen so. Es war ein schönes Gespräch und ich habe mir gedacht: Gar nicht dumm, diese Methode. Vielleicht sollte ich das auch mal machen.

Und meine Altlasten im Keller: Ich habe mir die Zeit genommen und manches endlich aufgeräumt. Dadurch ist wieder neuer Platz entstanden. Ich fühle mich frei und losgelöst und schaue gerne wieder in diesen Kellerraum.

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