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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sarah und Hanno, beide Anfang dreißig, streiten mal wieder. Sie kennen sich schon über zehn Jahre, sind seit zwei Jahren verheiratet, jetzt aber ist Krisenstimmung. Immer wieder sind sie sich nicht einig, was sie vor der Hochzeit besprochen und vereinbart haben. Es sind vor allem zwei Themen: Hannos Karriere, für die ein Umzug notwendig wäre, und ob und wann sie Kinder bekommen wollen. Hanno ist sich sicher: Das Kinderthema hatte keine Priorität. Zuerst wollten sie das Leben genießen, beruflich vorankommen, Geld verdienen und dann vielleicht - ein, zwei Kinder. Er erinnert sich, dass sie über „social freezing“ gesprochen hatten, die Möglichkeit, dass Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen können, um später Kinder zu bekommen. Sarah hat das völlig anders in Erinnerung: Sie wollte auf keinen Fall vor der Hochzeit schwanger werden, aber jetzt wäre doch der ideale Zeitpunkt. Und dann zwei Kinder, vielleicht auch mehr. Beim anderen Thema ist es nicht anders. Hanno würde gerne den ihm angebotenen Job im Ausland annehmen und dorthin ziehen, weil er glaubt, es ist die Karrierechance seines Lebens. Sarah versteht die Welt nicht mehr. Sie waren sich doch einig: Sie wollten in ihrem gemeinsamen Heimatort ein Haus bauen. Was ist nun wahr? Was haben sie damals besprochen? Sie sitzen jetzt bei mir in der Paarberatung und suchen Hilfe, weil sie allein mit den unterschiedlichen Wahrheiten nicht mehr zurechtkommen. Jetzt soll der Berater helfen, die Wahrheit herauszufinden. Ich versuche ihnen deutlich zu machen, dass ihre Erinnerungen nicht unbedingt die Wahrheit widerspiegeln. Der Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg sagt dazu: „Ihr werdet als Paar immer wieder über eure Vergangenheit streiten. Weil es die eine Vergangenheit nicht gibt. Ihr findet nur eine Lösung, wenn ihr akzeptiert, dass Erinnerungen nicht wahr sind. Obwohl sie sich so anfühlen. [   ] Jeder hat seine eigenen Erinnerungen und für ihn sind sie wahr und bedeutsam, aber es ist nicht die Wahrheit. Unser Gedächtnis dient uns, nicht der Wahrheit. Wir müssen nachsichtiger miteinander sein.“ sagt Holzberg. Ich frage Sarah und Hanno also jeweils: "Was ist für dich so bedeutsam an deiner Erinnerung?“ Das ist eine andere Perspektive. Statt sich also zu streiten, wer Recht hat, kommen sie jetzt ins Gespräch darüber, wie wichtig ihnen Beruf, Familie und auch jeweils der andere mit seinen Bedürfnissen und Wünschen ist.

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