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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

wenn möglich mache ich täglich vor dem Frühstück meine Yogaübungen. „Die fünf Tibeter“. So heißen die Übungen. Dafür nehme ich mir jeden Morgen etwa 20 Minuten Zeit. Das hält mich fit. Ein Freund ist darüber sehr erstaunt. Er ist Physikprofessor und praktizierender Katholik, er weiß, dass ich Theologe bin. „Wie verträgt sich das mit deinem christlichen Glauben“, fragt er mich. „Es sind doch Praktiken aus einer anderen Religion!“ und er scherzt: „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir täglich Gymnastik machen, dann stünde das doch sicher in der Bibel.“ Ich glaube zu verstehen, warum er diese Bemerkung macht. Er ist in einem sehr strengen katholischen Elternhaus aufgewachsen. Es war dort immer wichtig, eine klare Identität zu haben. Sich abzugrenzen von den Andersgläubigen. Er selbst ist Perfektionist, engagierter Naturwissenschaftler. Er befürchtet wohl, ich würde Dinge vermischen, das Christentum mit östlichen Lehren und Praktiken verunreinigen. Wahrscheinlich hat er Sorge, ich würde vom rechten Weg abkommen. Ich versuche ihm zu erklären, warum die fünf Tibeter, diese yogaähnlichen Übungen, seit fast 20 Jahren ein fester Bestandteil meines Lebens und meines Glaubens sind. Mein Körper ist mir von Gott geschenkt. Er hat Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verdient. Durch die Übungen drücke ich aus, dass ich dankbar meinem Schöpfer gegenüber bin. Dass ich meinen Körper pflege, sorgsam behandle, ist für mich eine Form von Beten ohne Worte. Wenn ich mit Worten und Gedanken bete, dann betet mein Geist. Yoga ist für mich eine Art Selbstliebe. Gott und meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst, ist das christliche Gebot. Zu mir gehört mein Körper. Es ist für mich nebensächlich, wenn die östlichen Lehren sagen, dass ich Lebensenergien in bestimmten Bereichen aktiviere. Das mag so sein, wichtiger ist mir, dass ich bewusst meine Füße, meine Beine, meine Hände spüre. Meinen Rücken, meine Atmungs- und Verdauungsorgane, meine Sinne. Ich bin dankbar, dass ich mich bisher auf meinen Körpers verlassen konnte, dass ich lebendig durch den Tag gehen kann. Aber ich weiß auch, dass mein Körper endlich ist. Ich spüre unwillkürlich, ob ich traurig oder wütend, angespannt oder gelassen, ausgeruht oder müde bin. Denken tu ich meistens bewusst, fühlen eher unbewusst. Ob ich mich auf etwas freue oder voller neugieriger Erwartung bin, was der Tag wohl bringen mag. Mein Körper weiß längst Bescheid.

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