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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sind gläubige Menschen bessere Menschen? Leider nein. Gläubige Menschensind nicht automatisch bessere Menschen. Regelmäßig beten, am Sonntag in die Kirche gehen oder als Katholik ab und zu beichten, das kann Orientierung geben. Aber wer glaubt deshalb ein besserer Mensch zu sein, der riskiert überheblich zu werden. Wer glaubt, seine Religion würde einfache Antworten bieten, und denkt, wenn er alles richtig macht, sich so verhält, wie es die Religion vorschreibt, er könnte Fehler vermeiden, der irrt gewaltig. Widersprüche im Leben bleiben. Jeder Mensch muss sich ein eigenes Urteil bilden, selber Entscheidungen treffen, für die er als Person auch gerade stehen muss. Im Zweifelsfall kann er es nicht auf seine Religion schieben. Wer glaubt, ein Klosteraufenthalt, ein Besinnungswochenende oder eine Reise nach Indien reichen aus, um etwas Besonderes zu sein, der läuft Gefahr sich in den eigenen positiven religiösen Gefühlen zu verrennen. Menschen können so auf Irrwege geraten, egal in welcher Religion. Wer sich selbst durch regelmäßige spirituelle Übungen als „erleuchtet“ versteht, neigt dazu, unangenehme Gefühle zu vermeiden und das Leid anderer zu leugnen. „Wenn die Zeit dafür reif ist und das Universum es will, ändert es sich schon.“ höre ich so jemand sagen. So eine gleichgültige Haltung ist grausam, weil es oft ungerecht zugeht, Menschen darunter leiden. Weil Suchtkranke sich aus eigener Kraft nicht mehr helfen können. Oder weil Paare, die sich das Leben zur Hölle machen oft Impulse von außen brauchen, um angemessene Lösungen zu finden. Erst recht gefährlich ist, wenn sich eine Gruppe Gleichgesinnter zusammenfindet, die glauben, etwas „Besseres“ zu sein, eben die Guten, weil klar ist, die anderen, die nicht beten und meditieren, sind die Bösen, die Schlechten. Nur weil ich bete, bin ich kein besserer Mensch. Aber Beten kann mir helfen bescheiden zu bleiben. Ich bin nur einer von acht Milliarden Menschen. Beten kann mir helfen dankbar zu sein für das, was ist. Ich mache mir dabei bewusst, was ich alles habe, welche Privilegien ich besitze. Ich muss mir nämlich nicht täglich Sorgen machen ums nackte Überleben. Beten kann mir helfen, meinen Gefühlen nicht nur ausgeliefert zu sein. Beten hilft mir, Entscheidungen zu treffen, und besonnen und bewusst jeden Tag versuchen, das Richtige zu tun.

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