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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt Dinge, die überschreiten eine Grenze. Die Todesstrafe gehört dazu. Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht immer wieder über die Todesstrafe. Besonders dann, wenn ein neuer Anschlag in seinem Land verübt wird. Er gefällt sich darin, dass er das kann, wenn er nur will: Den Tod als Strafe einführen. Als ein Mittel gegen den Terror und gegen Leute, die ihm gefährlich werden könnten. So wie früher. Erdogan sagt: Da habe seinem Land keiner reinzureden. Die Europäer schon gar nicht.

Für mich gehört es zu den großen Errungenschaften, dass in unserem Land die Todesstrafe nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft wurde. Der Staat und seine Bürger bekennen sich damit dazu, dass sie Grenzen haben. Die Todesstrafe ist unmenschlich. Sie maßt sich eine Gewalt an, die dem Menschen nicht zusteht. Sondern allein Gott. Er ist der Herr über Leben und Tod. Er bestimmt den Zeitpunkt. So heißt das im christlichen Sprachgebrauch. Die Christen sind sich in dieser Frage deshalb auch einig, über konfessionelle Mauern hinweg: Sie lehnen die Todesstrafe ab. Es ist gut, dass in dieser Frage auch zwischen Staat und Kirche Übereinstimmung herrscht.

Was aber ist nun mit Erdogan? Mich beschäftigt dieses Thema sehr, weil die Türkei den Beitritt zur Europäischen Union anstrebt. Zu Recht, wie ich finde. Immerhin leben Millionen von Türken in Deutschland und den anderen europäischen Ländern. Erdogan würde wohl sagen, dass es mir nicht zusteht, etwas zu seiner Einstellung in Sachen Todesstrafe zu sagen. Das mag stimmen, was die Türkei betrifft und das Leben dort.  Aber was unser Land angeht, da sieht es ganz anders aus. Als Christ habe ich die Pflicht, mich einzumischen und für das zu kämpfen, von was ich überzeugt bin. Dass das Leben eines Menschen keine Verhandlungsmasse ist, dass kein Mensch über das Leben eines anderen verfügen kann, gehört fundamental dazu. Wer tötet, überschreitet eine letzte Grenze. Immer.

Alle Länder der Europäischen Union haben die Todesstrafe nach und nach abgeschafft. Aus gutem Grund. Die Länder der EU sagen, dass sie dabei etwas miteinander verstanden haben. Etwas, das die gemeinsame Kultur und Identität ausmacht. Wer das nicht akzeptiert oder sich darüber lustig macht, kann nicht zu unserem Kulturkreis gehören. Das müssten sich auch die Türken fragen, die sich bei uns für die Einführung der Todesstrafe in der Türkei stark machen. Sie verlassen damit den Boden, auf dem sie stehen. Und sie überschreiten eine Grenze, über die nicht zu verhandeln ist.

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