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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Menschen, die eine außergewöhnliche Begabung haben, fallen auf. In Norwegen gibt es gerade einen 13jährigen Jungen, der wunderbar singen kann. Seine Stimme bringt Töne hervor, die einen aufhorchen lassen. So schön ist der Klang, so klar und rein. Ich war restlos begeistert, als ich ihn zum ersten Mal gehört habe. Besonders beeindruckt hat mich, mit welch natürlicher Intuition der Junge sich zu einem Teil der Musik macht. Da klingt nichts gekünstelt oder angestrengt. Alles wirkt leicht. Als ob das für ihn das Selbstverständlichste von der Welt wäre. Der Name des Jungen ist Aksel Rykkvin. Er ist noch ein Kind, aber er ahnt: Meine Stimme ist etwas Großes, etwas, das über das normale Maß hinaus geht, etwas Einzigartiges. Und ich habe für mich gedacht: Diese Töne, die haben etwas Heiliges. Was für ein Gottesgeschenk! Dann hab ich aber weiter überlegt, ob das für den Jungen nicht auch eine große Last ist: schon in jungen Jahren berühmt zu sein, vor vielen Menschen aufzutreten und dabei unter Druck zu stehen, jeden Tag üben zu müssen, viele Stunden lang, um den Erwartungen gerecht zu werden. Wie gesagt, man merkt es Aksel Rykkvin nicht an. Aber man hört eben nicht, was in seinem Kopf vorgeht, was ihn beschäftigt, was er sich wünscht. 

Außergewöhnliche Begabungen haben zwei Seiten. Sie sind Segen und Fluch, Gabe und Aufgabe. Damit ist es bei ihnen gerade so wie bei allem, was man gut kann. Persönliche Stärken haben immer auch eine Schattenseite. Zum Beispiel fällt es mir meistens leicht, eine Sache schnell zu verstehen und darauf zu reagieren. Dass das so ist, führt aber dazu, dass das für andere anstrengend sein kann. Sie müssten sich dann meiner Geschwindigkeit anpassen, ob sie wollen oder nicht. Das kann ganz schön nerven, wie mir andere auch schon gesagt haben. Aksels Stimme ist eine wunderbare Gabe. Er kann stolz darauf sein. Andere sind vielleicht neidisch, dass sie keine so tolle Begabung haben. Und Aksels Eltern machen sich wahrscheinlich Sorgen, ob ihr Sohn so noch eine normale Kindheit haben wird - genügend Zeit zum Spielen, für Freunde, auch für die Schule.

Gott hat es offenbar so eingerichtet, dass keiner benachteiligt wird. Wer etwas Besonderes kann, von dem wird auch mehr verlangt. Ich hoffe, dass wir das immer besser verstehen. Und geduldig sind mit unseren Stärken und mit unseren Schwächen.

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