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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

 „Du hast meine Sprache gelernt.“ Sagt Aurelia und man sieht es ihr an, wie glücklich sie das macht. Gerade hat Jamie ihr gesagt, dass er sie liebt. Zuvor hat er das nicht gekonnt. Aurelia ist Portugiesin und konnte nur portugiesisch. Und Jamie ist Engländer und konnte nur englisch. Sie haben zwar gespürt, dass sie sich mögen. Sehr sogar. Aber es sagen, das haben sie nicht gekonnt. Am Ende braucht die Liebe halt doch auch Worte.

Deshalb hat Jamie in kurzer Zeit einen Portugiesischkurs gemacht und dann steht er vor ihr und erklärt ihr – holprig und langsam zwar: Er liebt sie. Und Aurelia strahlt ihn an: „Du hast meine Sprache gelernt.“ Für mich ist das der Moment in dem britischen Film „Tatsächlich Liebe.“

„Du hast meine Sprache gelernt.“ Das ist doch Liebe, oder? Den oder die andere verstehen wollen. Auch im übertragenen Sinn. Nicht bloß wie in dem Film, eine Fremdsprache lernen. Sondern auch wenn man sich lange kennt, sich immer wieder neu in den anderen reinhören. Seine, ihre Zeichen und Gesten beachten. Oder auf die kleinen, unscheinbaren Bemerkungen aufpassen. Achthaben, was da kommt.

Das ist ja grade, wenn man sich schon lange kennt, eine Gefahr. Man ist sich vertraut. Ist nicht mehr so neugierig aufeinander. Manches habe ich schon oft gehört. Manches sagt man nicht mehr ausdrücklich. Aber dadurch kann halt auch die Aufmerksamkeit füreinander runtergehen. „Kenn ich.“ Dabei verlernt man vielleicht sogar die Sprache des anderen.

Liebe ist, gerade die kleinen Zeichen immer wieder zu sehen. Und erkennen, was für Sorgen, Ängste, Wünsche und Glücksgefühle er oder sie mir damit zu verstehen gibt. Und dabei hofft, dass ich sie erkenne.

„Erkennen“. In der Bibel, ist „erkennen“ übrigens gleichbedeutend mit „lieben“. Und zwar auch mit körperlich lieben. „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger“, heißt es schon beim ersten Paar in der Bibel. „Erkennen heißt lieben“. Das finde ich echt feinfühlig.

Es ist doch auch Liebe, dass zwei Menschen, auch wenn sie miteinander schlafen, immer wieder neu aufeinander achten. Wissen wollen, wo und wer der andere ist, was ihm gut tut und Spaß macht.

„Du hast meine Sprache gelernt,“ hat Aurelia im Film zu Jamie gesagt. Ich vermute, Beziehungen, die über Jahre hinaus lebendig bleiben, in denen passiert das: Sie haben irgendwie nie aufgehört, die Sprache des anderen zu lernen. Den anderen zu verstehen. Aber genauso: Auch selber immer wieder zu sagen, was mit einem ist. Sag ich noch, was mir wichtig ist?

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