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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kann man etwas dagegen tun, dass man verbittert? Alles so negativ sieht. Und sich das Gemüt und das Leben vergällen lässt?

Ich treffe öfter einen Mann in der Straßenbahn. Und jedes Mal strahlt er Galligkeit und Bitterkeit aus. Ist am Schimpfen. „Die sind doch alle zu blöd. Die kriegen es doch nie hin. Diese Deppen da oben in der Verwaltung.“
Mich regt das auf, dass er so redet. Aber warum reg ich mich auf? Finde ich seine Bitterkeit vielleicht darum blöd, weil etwas davon auch in mir steckt? Und weil ich das an mir selbst nicht mag?

Vielleicht ist das der erste Schritt gegen das Bitterwerden. Dass ich merke, dass ich bitter werde. Vor allem, wenn ich andere dafür verantwortlich mache, dass alles so negativ sei.
Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht mehr kritisieren sollen, was nicht gut ist. Probleme werden nur gelöst, wenn sie auf den Tisch kommen.

Aber erstens macht der Ton die Musik. Und zweitens: Es schadet am meisten mir selbst, wenn ich nur noch das Schlechte sehe. Und verbittere. Das saugt mir Lebensfreude und Kraft aus.
Ich habe den Eindruck, viele bei uns stecken in Verbitterung: ZB gegen „die oben“ Viele haben anscheinend das Gefühl, „dass man sie nicht mehr hört.“

Ich glaube, Verbitterung macht Menschen krank und das Gemeinwesen auch. Aber was könnte Verbitterung heilen?

Ich habe an einen Verbitterten in der Bibel gedacht und was ihn verändert hat. Der Mann war krank, mehr als ein halbes Leben. Wie man sich da wohl fühlt? ‚Das Leben und die Welt mögen mich nicht.‘ Freunde, Familie haben sich zurückgezogen, auch weil er so bitter geworden ist. Er mag sich oft selbst nicht mehr. Und vielleicht am schlimmsten. Der oben im Himmel, von dem fühlt er sich ganz und gar verlassen.

Und was öffnet seine bittere Schale? Er trifft Jesus. Und der bleibt nicht von ihm weg. Im Gegenteil: Er sieht ihn. Das ist neu, dass einer ihn sieht, mit ihm redet und sich für ihn interessiert: „Wer bist Du, wie geht es Dir?“ Jesu Fragen lösen was aus bei ihm. Und verändern ihn. Nicht gleich. Erst jammert er wie immer. Aber Jesus bohrt durch die bittere Schale. „Was willst Du?“ Das hat dem Verbitterten noch keiner zugetraut und zugemutet. Dass er Verantwortung für sein Leben übernehmen kann. Auch dafür, in welcher Gemütsverfassung er durchs Leben geht. Dass er sagen soll, was er will und braucht.

Verbitterung macht krank: Vielleicht hilft es, wenn wir einander mehr sehen, wenn ein Mensch sagen kann, was er wirklich will aber auch, dass jeder Verantwortung übernimmt und nicht wartet auf die oben.

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