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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich will doch nur, dass man mich sieht. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?“ bricht es aus ihr heraus. Und ich spüre, es trifft sie und macht sie wütend, wie der Abteilungsleiter sie behandelt.

Ich glaube, jeder kennt das von sich: Wir brauchen es, dass man nicht durch uns durchguckt. Ich brauche es, dass man mich sieht als Person und mich auch so anspricht.

Ich erinnere mich wie heute an die Schule. 5. oder 6. Klasse. Da hatten wir in Musik einen Lehrer, der war einfach zu faul, unsere Namen zu lernen. „Ich habe so viele Schüler, und für die zwei Wochenstunden.“ Also hat er uns Jungs einfach alle nur „Walter“ gerufen und die Mädchen „Agathe“. „Du Agathe, da hinten in der 5. Reihe.“ Irgendwann haben wir es aufgegeben, zu sagen, wie wir wirklich heißen.

Aber seitdem weiß ich, der Name ist wie der Schlüssel, mit dem ich einem anderen zeige, dass ich ihn sehe und achte. Als eigenen Menschen. Dass ich ihn nicht als Nummer betrachte oder als kleines Teilchen in der großen Masse Mensch.

Ich finde es großartig, dass das auch von Gott in der Bibel erzählt wird. „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein,“ sagt Gott im Alten Testament zu seinem Volk, den Israeliten. Die frühen Christen haben diese Wertschätzung übertragen auf jeden Einzelnen. Die Taufe drückt das aus. Wer getauft worden ist, kann glauben: Gott sieht mich und schätzt mich als unverwechselbare Person.

Und ich bin sicher, er sieht und schätzt jeden, auch die, die nicht an ihn glauben.
Ich glaube, das könnten wir alle zeigen, wenn wir es wollen. Jeden Tag. Denn es passiert ja immer wieder:

Wenn Menschen andere entmenschlichen wollen, dann nehmen sie ihnen zuerst den Namen weg und machen sie entweder zu einer Nummer oder zur Masse. „Die Linken, die Muslime, die Politiker, die Rechten, die, die, die..“ Ich glaube, jeder von uns muss da dagegen halten.

Ein bisschen Person-sehen-üben, kann man schon im Berufsverkehr. Diese vielen Berufspendler neben mir auf dem Bahnsteig, jeder hat einen Namen. Die Frau im Auto neben Ihnen. Es scheint nur so als wäre sie wie alle anderen. In Wahrheit ist sie genauso eine Person wie Sie.

Eigentlich hätte jeder und jede es verdient, dass wir einander sehen. Anstatt nur im Smartphone zu lesen, ab und zu im Gesicht eines anderen.

Und noch etwas. Jeder sollte auf sich achtgeben, dass wir uns nicht selbst zur kleinen Nummer machen. Dabei ist Gott an meiner und Ihrer Seite: Er hat jeden und jede beim Namen gerufen.

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