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SWR2 Wort zum Tag

In einer Novelle erzählt der russische Dichter Dostojewski von einem jungen Mann, der verzweifelt darüber ist, dass es unter den Menschen so viel Hass und Gemeinheit, Eifersucht und Krieg gibt. Seine Verzweiflung ist so groß, dass er sich erschießen will. Er sitzt in seinem Zimmer und hat den Revolver vor sich auf den Tisch gelegt. Er schläft jedoch ein und träumt, er wäre auf einem anderen Planeten. Dort trifft er Menschen, die in Frieden miteinander leben. Es gibt keinen Streit, keine Kriege, kein Blutvergießen. Der junge Mann ist zunächst ganz fassungslos und tief beglückt. Aber dann muss er eine grausige Entdeckung machen: Überall wo er auftaucht, flammen plötzlich Feindseligkeiten auf, es kommt zu Missverständnissen und zu Gewalt. Als er aufwacht, ist ihm klar: Das Böse in der Welt liegt nicht außerhalb seiner selbst. Es liegt in seinem eigenen Herzen. Er kann sich ihm nicht einmal durch den Tod entziehen, sondern muss es in sich erkennen und bekämpfen.

Diese Geschichte bringt etwas auf den Punkt, finde ich. Im Prinzip hält man sich ja selbst für anständig, und wenn man doch etwas Böses tut, sieht man sich gern als Opfer der Umstände. Ein fataler Irrtum. Man könnte es auch in der Bibel nachlesen: Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht Einer (Römer 2). Juden, Christen und Muslime, Amerikaner und Europäer, Sie und ich: alle sind mit verantwortlich für das, was weltweit an Ungerechtigkeit und Gewalt passiert. Wer die Wurzel für das Böse sucht, muss den Blick in die Abgründe der eigenen Existenz ertragen. „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“– so hat der Philosoph Hamann das genannt. Diese Höllenfahrt freilich leitet eine Wende ein. Wenn ich das Böse in mir erkenne, muss ich nicht verzweifeln, ich werde mich aber auch nicht als Richter und Rächer über andere erheben. Der Gott der Bibel, an den ich glaube, tut das auch nicht. Er verzweifelt nicht an mir, er vernichtet mich auch nicht. Gott unterscheidet zwischen „Person und Werk“ (Martin Luther): das Böse, das ich anrichte, bekämpft er, aber mich selbst, sein Geschöpf, liebt er. Und das gilt von allen Menschen.

Diese Kunst der Unterscheidung ist mühsam. Sie widersetzt sich einfachen Denkmustern. Das Böse erkennen und beim Namen nennen, auch bei sich selber. Und dennoch den Menschen verstehen, vielleicht sogar lieben, auch sich selbst.
Ich glaube, dass das die Welt zum Guten verändern kann.

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