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SWR2 Wort zum Tag

„Ich will nicht ins Paradies“ – so heißt es in einem Lied der Popgruppe Die Toten Hosen. Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist.“

Inwiefern schwierig? Die Antwort: Nur wer sich am Tisch anständig verhält und mit Messer und Gabel isst. Wer sich mit geputzten Schuhen immer hinten anstellt. Wer zu allem Ja und Amen sagt, was andere ihm vorschreiben, oder was an Geboten in der Bibel steht. Wenn das die Bedingungen sind, dann ist das Paradies etwas für Spießbürger, aber nichts für mich, meint der Sänger. Mit angepassten, äußerlich religiösen Menschen möchte er nicht zusammen sein – und das kann man ja verstehen.

Tatsächlich ist die Vorstellung weit verbreitet, dass man zur Erlangung eines „Paradieses“ vor allem bestimmte Gebote und Normen erfüllen muss. Ein volkstümliches Christentum ist davon geprägt, und für den Islam ist der Gedanke grundlegend. Christlich ist das jedoch nicht. Von einem Paradies redet die Bibel nur an wenigen Stellen, und an keiner einzigen Stelle macht sie gute Manieren oder moralisches Handeln zur Bedingung für den Einlass. So sagt der gekreuzigte Jesus zu einem der beiden mit ihm gekreuzigten Verbrecher: „Wahrlich, heute du wirst mit mir im Paradiese sein.“ Warum zu ihm? Weil der sich bittend an ihn gewandt hatte. Warum nicht zu dem anderen? Weil der sich verächtlich von ihm abgewandt hatte. Moralisch gut war keiner von beiden. Den Unterschied machte lediglich eine schlichte Bitte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Gestern wurde in den evangelischen Kirchen der Ewigkeitssonntag gefeiert, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die Namen der Verstorbenen wurden verlesen, für jeden Namen eine Kerze entzündet. Das ist der Kern christlichen Glaubens: Leben wird nicht ausgelöscht. Gott ruft die Toten ins ewige Leben. Wie immer dieses ewige Leben sich nennen und letztlich aussehen mag: Dort kommt zur Vollendung, was hier unvollendet blieb. Dort wird sich entfalten, was hier verkümmerte. Besonders freue ich mich auf Gespräche mit anderen Menschen, die ich schon lange etwas fragen wollte. Oder die ich einfach vermisse.

Das ist der Grund. Deshalb will ich ins Paradies. Der Weg dorthin ist weder mit moralischen Anforderungen noch mit einem Martyrium verbunden, das anderen Menschen schadet. Es braucht nur Vertrauen auf Jesus, nur eine Bitte. Kein schwerer Weg. Aber ein Weg, der andere Wege ausschließt

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