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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Homo incurvatus in se“. Das ist Lateinisch und von Martin Luther. Und heißt übersetzt der „in sich verkrümmte Mensch“. Damit hat Luther den Mensch gemeint, der sündigt. „Sünde“, ein Wort gegen das heutzutage viele Menschen allergisch sind. Weil die Kirchen auch Schindluder damit getrieben haben. Indem sie Macht ausgeübt und die Menschen unterdrückt haben. Im Beichtstuhl aber auch anderswo. Sünde ist heute auch ein Wort, das Vielen schlicht egal ist, weil sie sich nicht in ihr Leben reinreden lassen wollen. Das ist verständlich, aber auch schade, weil dadurch was ganz Wesentliches von uns Menschen aus dem Blickfeld geraten ist: Dass wir alle Fehler und Schwächen haben. Dass wir böse sein können und böse handeln können. Dass wir Schaden anrichten und wehtun können. Uns selbst und Anderen. Weil das Wort Sünde für Viele eine Art Unwort geworden ist, bekommen viele Leute gar nicht mehr mit, dass es mittlerweile auch ein anderes Verständnis von Sünde gibt. Ein Verständnis, das vielleicht besser nachvollziehbar ist. Bei dem Sünde bedeutet, dass ich mich entfremde. Von mir selbst, von Anderen und letztlich auch von Gott. Ein Zustand bei dem man spürt, dass er in sich nicht richtig ist. Zum Beispiel wenn man lügt oder jemandem weh tut. Manchmal spürt man dass etwas in sich falsch ist schon während man es tut und manchmal erst hinterher. Ein schmerzlicher Zustand, der verstört und einsam macht. Und diesen beschreibt Luthers Bild vom in sich verkrümmten Menschen sehr plastisch. Demnach ist ein Mensch, der sündigt, innerlich so in sich selbst verkrümmt, dass er sich nur um sich selbst kümmern kann. Er windet sich gewissermaßen um sich selbst und wendet sich damit ab von den Anderen und oft auch von Gott. 

Wer Sünde so versteht, der kann eigentlich nicht hart und unbarmherzig sein. Weil er weiß, dass wir alle unsere kleineren und größeren Verkrümmungen in uns tragen. Und weil er weiß, dass sie schmerzhaft sind. Darum versucht jemand, der barmherzig mit den Sünden eines Menschen umgehen möchte, zu verstehen, wie es zu dessen inneren Selbstverkrümmungen gekommen ist. Und nach Wegen zu suchen, wie er sich aus seinen Verkrümmungen lösen könnte. Damit er in die Haltung kommt, in der Gott ihn gewollt hat: aufrecht.

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