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SWR2 Wort zum Tag

Anerkennung ist ein Lebensmittel. Sie ist so lebensnotwendig wie Essen und Trinken. Menschen leben nicht vom Brot allein, sondern von Worten und Gesten, die ihnen Ehre erweisen. Die sie aufbauen, loben, auszeichnen, würdigen. Wie neulich, als ein Abiturient sich bei mir für den Religionsunterricht bedankte und mir sogar ein kleines Geschenk überreichte. Das hatte ich nicht erwartet und auch noch nie erlebt, und ich spüre, wie mich diese Ehrung beflügelt. Und wenn ein Mensch ein gewisses Alter erreicht hat, dann darf er oder sie auch so geehrt und anerkannt werden – es ist kein schlechter Brauch, sich zu erheben, wenn ältere Personen den Raum betreten.

Freilich wird vielen Menschen diese Anerkennung verweigert. Sie wollen Arbeit, wollen etwas leisten und finden keine Abnehmer. Auch im Kulturbereich nehme ich das wahr: Hochqualifizierte Musiker spielen in unseren Städten mit dem Hut vor den Füßen. Bücher von erstklassigen Autoren werden verramscht.

Das aber ist nicht richtig. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor, heißt es in der Bibel. Das gilt zunächst völlig unabhängig von dem, was ein Mensch leisten kann, welche Hautfarbe oder sonstige Eigenheit er oder sie hat. Ehre sei dem Menschen, denn er ist ein Geschöpf Gottes. Dann aber auch: Ehre sei den Menschen für das, was sie an Gutem und Schönen hervorbringen. Meinen Eltern gebührt z.B. Ehre, weil sie mir das Leben gegeben haben, meinen Kindern, weil sie mich trotz meiner Ecken und Kanten noch lieben. Auch manchen meiner Lehrer bewahre ich ein ehrendes Andenken. Denn inzwischen ist mir klar geworden: was Menschen im positiven Sinne leisten und füreinander tun, verdankt sich der Güte Gottes. Gott schenkt die Gaben, die Kraft, die Liebe, um etwas zu schaffen, etwas, das anderen dient und sie erfreut. „Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre“ schreibt Bach auf seine Manuskripte. Sehr weise, finde ich. Denn wenn ich einem Menschen Anerkennung zeige oder mir solche zuteil wird, dann soll ich Gott diese Ehre nicht vorenthalten. Er ist der Grund für alles, was Menschen aneinander achten und schätzen können. Mehr als alles andere verdient er mein Lob, meine Ehrerbietung.

Menschen achten. Gott die Ehre geben. Beides gehört für mich zusammen. Ein guter Brauch, sich zu erheben, wenn es im Gottesdienst erklingt: Soli Deo Gloria.

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