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SWR2 Wort zum Tag

Der Mensch sieht nur das, was vor Augen ist. So heißt es in der Bibel.
Das muss er auch. Schließlich kann keiner in einen Menschen hineinsehen.
Und wenn einer sagt: ich durchschaue dich, gehe ich auf Distanz.
Also achte ich zunächst auf das, was ich sehen kann, höre, was ich zu hören bekomme.
Wie von selbst arbeitet da ein Beurteilungs- und Bewertungssystem.
Kann er oder sie mir nützen?
Ist sie interessant, kann ich ihn gebrauchen?
Dieses schnelle Abschätzen der anderen ist Teil unserer Natur.
Die Folge davon ist, dass andere sich darauf einstellen. Man zeigt sich von der besten Seite. Eine ganze Industrie bietet hier ihre Dienste an, damit das Auge auch wirklich was Schönes zu sehen bekommt. Und eine weitere schult den Auftritt, die Performance. Hauptsache, der Anblick ist gut, der äußere Eindruck stimmt. Aber Gott, so heißt es weiter, sieht das Herz an.
Eine anthropomorphe Vorstellung: Gott kann sehen. Aber seine Augen sehen tiefer als meine. Und freundlicher. Gott sieht auf das Wesen, auf den Grund eines Menschen, auf meinen und auf Ihren Herzens-Grund.
Und was ist dort zu sehen?
Ich meine, Er sieht zunächst einen Menschen, den er geschaffen hat, ein schönes, vollkommenes Geschöpf, das geliebt ist und gebraucht wird.
Und dann er sieht einen Menschen, der bedürftig ist, der Sehnsucht hat nach Anerkennung und Liebe. Und je gemeiner und giftiger sich einer gibt, desto bedürftiger ist er oft, schwach und verletzlich. Als Christ glaube ich: Gott sieht beides. Er weiß, was mich ausmacht, was mich umtreibt, kennt die Talente und Gaben, die vergraben sind, weiß um die Vergangenheit, die Schwachstellen, die Narben auf der Seele. Ehe ich in meiner Mutter Leib geformt wurde – also schon vor der Zeugung – hast Du mich gesehen und gekannt, sagt ein Psalmwort. Und wenn ich diese Vorstellung weiterdenke, dann sieht Gott nicht nur mein Woher, sondern auch mein Wohin, meine Zukunft ist bei ihm, in seinem Blick geborgen.
Für mich ist das ein starker Trost: Gott sieht das Ganze. Er weiß, was in mir schlummert, das Gute ebenso wie das Böse. Was er sieht, bleibt unter uns – doch es bleibt nicht ohne Folgen.
Barmherzig – kritisch – unbestechlich. So sieht er mich an, und so soll ich auch sehen lernen. Mich selbst und andere.
Keine schnellen Urteile, keine abschätzenden Blicke. Aber das Bedürfnis des anderen, seine Not will ich sehen. Und etwas dagegen tun.
Und wenn ich mir selbst zum Rätsel werde, wenn andere mich abschätzig betrachten:
Gott sieht mich, ich kann aufrecht gehen.

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