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SWR2 Wort zum Tag

Zuflucht – ein altes Wort. Das Wort Flucht steckt darin. Zuflucht meint den Ort, zu dem ich fliehen kann.
Einen Ort zu finden, an dem man sich sicher fühlt, das gehört zu den existentiellen Erfahrungen. Das Versteck, das ich als Kind benutzte, um mich dem Zugriff anderer Kinder zu entziehen. Oder das eigene Zimmer, später die eigene Wohnung. Und für viele Menschen bekommt dieses Finden lebensentscheidende Bedeutung, wenn sie ihre Heimat verlieren. Sie suchen eine Zuflucht, laufen um ihr Leben, fliehen vor Krieg, Verfolgung, Todesangst. Und wenn ihnen ein Land Asyl gewährt, dann sind sie unendlich erleichtert und dankbar, sind auch bereit, vieles unerfreuliche in Kauf zu nehmen, wenn sie nur endlich in Sicherheit sind.
Eine Zuflucht finden heißt ja nicht: Alles ist gut. Zuflucht ist ein Ausnahmezustand. Flüchtlinge sind physisch in Sicherheit, bringen jedoch ihre schrecklichen Erlebnisse und Verletzungen mit. Das gilt für alle Formen der Flucht, es gilt auch, wenn jemand vor sich selber flieht. Wer einen rettenden Ort findet, hat immer auch sich selber im Gepäck, die eigene Vergangenheit, die seelischen Schmerzen, vielleicht auch die Schuld.
Die Bibel berichtet von Menschen, die eine Zuflucht, einen sicheren Ort bei Gott suchen finden.
Und immer wieder machen Menschen ähnliche Erfahrungen – auch wenn nicht alle diesen Ort „Gott“ nennen würden.
Da ist jemand am Ende seiner Kraft. Er oder sie hält es nicht mehr aus, die vielen Konflikte, das Unverständnis der anderen, den Druck, die schlimmen Nachrichten.
Aber ein Gespräch mit einem Vertrauten, das Gebet oder der Besuch eines Gottesdienstes verändern die Lage. Man fühlt sich nicht mehr ausgeliefert, nicht mehr hilflos. Ich kenne das auch. Indem ich meine Angst, meine Schwierigkeiten vor Gott ausspreche, erfahre ich Trost und Stärkung. Diese Zuflucht ist nicht unbedingt die wunderbare Wende. Für mich ist sie eher die Gewissheit, dass es Hoffnung gibt, dass Gott trotz schlimmer Ereignisse da ist, dass ich nicht mir selbst überlassen bin.
Deshalb soll auch ich die anderen, Zuflucht suchenden, nicht sich selber überlassen.
Zuflucht ist das, was ich brauche, was mir geschenkt wird.
Es ist auch das, was mich fordert und herausfordert.
Nicht für alle Menschen kann ich, können Sie etwas tun.
Aber vielleicht kann ich wenigstens einem Menschen zu einer Zuflucht werden.
Einem zeigen: Hier bist du sicher. Es gibt eine Zukunft, Krieg und Gewalt haben ein Ende.

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