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SWR2 Wort zum Tag

Ein guter Mensch, das möchte er sein, der Christ genauso wie der Muslim.
Gott wohl gefällig, wie es ein altes Wort sagt.
Am 10. November 1483 wurde hat Martin Luther geboren. Und bis an den Rand der Verzweiflung hat er darum gekämpft: Gott zu gefallen. Seine Kirche jedoch machte es ihm schwer. Sie zeigte Gott als einen gnadenlosen Richter, vor dessen Urteil kaum einer bestehen würde. Luther fragte: Welcher Mensch schafft es wirklich, an einen Gott zu glauben, der immer mehr fordert, als ich geben kann? der die bedingungslose Unterwerfung will?
Derzeit begegne ich vielen muslimischen Flüchtlingen. Immer wieder beobachte ich, wie genau sie die Vorschriften ihrer Religion nehmen. Strenges Fasten im Ramadan schon bei kleinen Kindern… Distanz zwischen Männern und Frauen… und natürlich die überwältigende Gastfreundschaft bei jedem Besuch. „Nein, niemand zwingt mich, ein Kopftuch zu tragen – aber ich glaube, Allah wäre doch sauer, wenn ich es nicht täte!“ versicherte mir eine 13-Jährige, die schon richtig gut Deutsch spricht. Ich bin beeindruckt. Wir luden Muslime und Christen zum „Abend der Religionen“ ein. Der muslimische Theologiestudent sagte glasklar: Islam heißt Hingabe an Allah, Befolgung der fünf Säulen und Glaube an die sechs Pfeiler. Einer dieser Pfeiler ist die Lehre vom Gericht und von Allahs absoluter Gerechtigkeit. Das Paradies winkt allen, die seine Gebote befolgt haben, die anderen werden mit der Hölle bestraft.
Bei allem Respekt vor dieser Frömmigkeit bin ich froh, Christ zu sein.
Dabei profitiere ich von Luthers Erkenntnis: Kein Mensch schafft aus eigener Kraft den Weg zum Heil. Nicht ich komme zu Gott, sondern er kommt zu mir. Gott ist Mensch geworden und hat alle Schuld der Welt getragen. Auch meine. Wenn ich das gelten lasse, muss ich keine Strafe, kein Fegefeuer und auch keine Hölle fürchten. Mein Glaube lässt mich atmen. Die Dankbarkeit setzt Kräfte frei: Wer sich beschenkt weiß, der schenkt weiter.
Als beim erwähnten Abend der Religionen auch die Christen ihren Glauben vorstellten, sagte der junge Imam: „Das ist wirklich ein anderer Glaube. Ich kann nicht alles verstehen, aber manches gefällt mir.“ Wir bleiben in grundlegenden Fragen getrennt, aber Respekt und Neugier verbinden uns.
Einer der Syrer hat sich inzwischen über Luther informiert, bei Wikipedia auf Arabisch.
Sein Kommentar: „Ein guter Mensch!“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20854