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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ein Therapeut aus meinem Bekanntenkreis hat in seinem Behandlungszimmer eine fast lebensgroße Holzfigur stehen. Einen Kellner im Stil der 20er Jahre. Solche Figuren stehen sonst vor Restaurants und präsentieren die Menükarte, freundlich, leicht nach vorne gebeugt, einladend. In diesem Fall im Therapiezimmer hat der Kellner ein leeres Tablett in den Händen. Er steht da wie ein hilfsbereiter Diener, unaufdringlich und geduldig. Ein »Realitätenkellner«. Die Holzfigur ist ein Symbol für eine bestimmte Art der Therapie: Der Berater macht vielfältige Menüvorschläge aus verschiedenen Realitäten. Er bietet, ähnlich wie ein Kellner, der von einem Gast nach Empfehlungen gefragt wird, verschiedene Lebensmöglichkeiten an.
Der Patient als Gast wie in einem Restaurant. Mir gefällt diese würdigende Haltung gegenüber demjenigen der Rat sucht. Der Therapeut nicht als höhergestellte Autorität, sondern als Diener, der höflich seine Gäste respektiert. Und das Leben wie eine Menükarte. Immer wieder neu wählen können. Sich die Frage stellen, was schmeckt mir heute, was tut mir heute gut, auf was habe ich Lust? Aber auch, in welches Lokal bin ich denn heute geraten, was kann ich mir denn leisten? Es ist sicher nicht immer die Menükarte des 5 Sterne Restaurants und manchmal ist die Auswahl mehr als eingeschränkt. Aber der »Realitätenkellner« erinnert mich daran, dass das Leben immer mehrere Möglichkeiten bietet und dass es einen Koch gibt, der es gut mit uns meint. Bekommen wir Menschen Nahrung für Körper, Geist und Seele, entwickeln wir uns. Ich verändere mich, ständig. Älter werden heißt ja nicht nur an Alter zunehmen, sondern auch, reifer werden, mich entwickeln.
Es gibt Einschränkungen. Nicht jeder hat die Möglichkeit einfach ganz frei zu wählen. Aber manchmal, so glaube ich, ist es nur der fehlende Mut, Veränderungen einfach anzupacken. Kleine Schritte gehen. Das ist oft wirkungsvoller, als darauf zu warten irgendwann einmal große Sprünge machen zu können. Lebensmöglichkeiten, und scheinen sie auch noch so klein und unbedeutend, beim Schopf packen.
Da wäre doch ein direkt vom großen Koch geschickter Diener morgens am Bett nicht schlecht: Einer, der mich daran erinnert, Du kannst und darfst Dich entwickeln. Von Gottes »Realitätenkellner« geweckt zu werden und das Leben jeden Tag neu als Raum der Möglichkeiten zu begreifen. Das finde ich eine schöne Vorstellung

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