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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich bin vor ein paar Wochen Opa geworden. Ich habe meine erste Enkeltochter als Neugeborene im Arm gehalten. Ich war gerührt und in mir hat sich etwas verändert. Nicht nur, dass so ein Baby natürlich starke Gefühle auslöst, das Staunen über so ein kleines Wunder. Ich hatte plötzlich das Gefühl, noch mehr Verantwortung zu haben, dafür, welches Erbe auf diese Kleinen zukommt. Ich meine jetzt nicht, was ich selbst mal hinterlassen werde, sondern wie die Zukunft wohl aussehen mag. Und da kann ja vieles Sorge bereiten.
Wie wird die Kleine aufwachsen? In was für einer Gesellschaft? Muss ich Angst haben vor der Bunten Republik Deutschland? Ich habe gelernt: ein gesundes Misstrauen ist wichtig um überleben zu können. Unsere Vorfahren wären aufgefressen worden, hätten sie den Säbelzahntiger für eine Schmusekatze gehalten. Freund oder Feind, diese Einteilung war überlebenswichtig. Und heute?
Ein Blick in mein Umfeld zeigt, dass fast alle einmal aus der Fremde kamen, mehr oder weniger Flüchtlinge waren, oder wie man heute sagt, einen Migrationshintergrund haben. Mein Frisör ist gebürtiger Spanier. Der Bäcker hat einen türkischen Namen. Die Eltern eines Erziehers kommen aus Griechenland. Der Maler hat portugiesische Wurzeln. Der Klempner spricht mit seinen Großeltern polnisch. Wenn ich bedenke, wie viele Menschen in Deutschland allein die letzten hundert Jahre eingewandert sind, dann ist es schon fast verwunderlich, dass das gut gehen kann. So ein Mix der Kulturen. Da gibt es Stoff genug für viele Konflikte. Wenn ich nachfrage, dann erfahre ich: Elterngenerationen kamen aus Böhmen, Ostpreußen oder Schlesien. Und wenn ich mich weiter in meinem Bekannten- und Freundeskreis umschaue: Die Klavierlehrerin: Rumänin. Der Geigenlehrer: Ungar. Der Rechtsanwalt Italiener. Die Ärztin ist aus Indien eingewandert. Ein Gehirnchirurg kommt aus dem Iran. Und ich kann gerade so weitermachen: Die Arzthelferin hat in Russland ihr Abitur gemacht. Der Architekt ist Kroate. Ein befreundeter Ingenieur ist Kasache, seine Assistentin Tunesierin. Auch ich selbst habe einen Migrationshintergrund: mein Vater kam nach dem zweiten Weltkrieg direkt aus Frankreich. Alle sind deutsche Staatsbürger, zahlen Steuern, lehnen Gewalt ab. Das macht mich nachdenklich und ich komme zu der Überzeugung, Fremde müssen keine Bedrohung sein. Ich glaube eher, Menschen aus zunächst fremden Kulturen, auch mit einer anderen Religion, machen unsere Gesellschaft reicher.
Das möchte ich auch meinen Enkeln vermitteln

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