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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ihre Kochrezepte in Ehren. Würde man das Charisma der heiligen Hildegard von Bingen jedoch nur auf ihre Fähigkeiten als Köchin und Kalt-Mamsell reduzieren – man täte ihr schrecklich Unrecht! Hildegard, an die man sich heute in den Kirchen erinnert, war die große Prophetin des Mittelalters. Ein Universalgenie, tief in Gott verwurzelt, Visionärin und Äbtissin. 

Am meisten bewundere ich den Mut dieser Ordensfrau. Sie predigte auf Kanzeln und  Marktplätzen und las dem Klerus und den Bischöfen die Leviten. Ohne Scheu rief sie sogar Kaiser Friedrich Barbarossa zur Ordnung, als der damals noch einen dritten Gegenpapst ins Rennen schicken wollte: „Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt...“, schrieb sie – nicht gerade liebenswürdig – dem Rotbart ins Stammbuch. 

Hildegard fühlte sich in ihrem Glauben tief in Gott verankert. Wenn ihre Gottverbundenheit aber auf Gottvergessenheit traf, provozierte sie unerschrocken und riskierte den Konflikt.  

Diese große Heilige des Mittelalters verkörpert eine Kirche, die sich politisch einmischt. Das passt vielen in Wirtschaft und Politik auch heute noch nicht in den Kram. „Halt dich da raus“, bekomme ich als Betriebsseelsorger immer wieder zu hören. „Du verstehst doch nichts davon!" Aber ich sehe, wie der Kapitalismus spaltet, ausgrenzt und alles seiner Gier unterwirft. Und ich bekomme mit, wie viele Erwerbstätige seelisch und körperlich zerbrechen. Das ist in höchstem Maße unverträglich mit der Botschaft Jesu Christi, dass alle das Leben haben sollen, ein „Leben in Fülle“, wie es im Evangelium heißt (Johannes-Evangelium 14,10). 

Als Christen glauben wir, dass Gottes Sohn aus Liebe zu uns in unser Menschsein eingetaucht ist – eindeutig erkennbar an der Seite der Armen und Bedrängten, der Mühseligen und Geplagten. Seitdem ist klar: Getaufte können und dürfen sich nicht einfach verdrücken, wegducken, davonstehlen, wenn Menschen fliehen müssen, wenn sie Not, Elend und Unrecht erleiden oder die Schöpfung Schaden nimmt. Da müssen sie ganz weit vorne stehen, in der ersten Reihe. Denn Kirche ist keine Kuschelecke, in der man behaglich vor sich hin schnurrt. Kirche muss in Gottes Namen provozieren und kritisieren. 

Aber woher nehmen wir den Mut? Hildegard schöpft ihn aus der Liebe zu Gott und den Menschen. „Die Liebe vernichtet alles Böse“, schreibt sie in einer ihrer Betrachtungen, „und nur sie macht frei von aller Angst.“

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