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SWR4 Abendgedanken

Eine Schildkröte und ein Hase nebeneinander an einer Startlinie. Ein verrücktes Bild. Darunter der Spruch: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“. Dieses Wort des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horvath geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Schon am Beginn dieser Fastenzeit wurde ich darauf aufmerksam. Seitdem lässt es mich nicht mehr los. Der Verlag „Andere Zeiten“ stellt es seit einigen Jahren in die Mitte seiner Fastenaktion „7 Wochen anders leben“. Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu. Udo Lindenberg hat es in seinem Lied „Ganz anders“ vertont und fügt hinzu: „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“. Meine Ideale kenne ich. Und doch bleibe ich oft genug dahinter zurück. Ich bin nicht immer der Vorzeigeehemann, der ich eigentlich gerne wäre. Ich bin nicht immer der beste Freund, der beste Kollege. Aber, so denke ich für mich: So bin ich eben. Ich bin so, wie ich bin. Auch mit all dem, was ich nicht schaffe, auch mit meinen unerreichten Idealen und Zielen. Ich bin so, wie ich bin. Mit all dem, was mir gelingt; worüber ich mich freuen kann. Mein Leben ist ein Spagat zwischen dem, wie es ist und wie es sein könnte. Wie ich bin und wie ich sein könnte. „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“. Es ist wie ein Sehnsuchtswort. Wie eine Ahnung, dass es noch etwas gibt, wohin ich auf dem Weg bin mit meinem Leben. Wenn ich spüre, dass ich so selten dazu komme, anders zu sein, ist das eine Spur zum Leben. Vielleicht gelingt es mir ja heute oder in den kommenden Wochen vor Ostern einfach mal anders zu sein. Etwas zu tun, was ich immer schon mal tun wollte. Etwas zu lassen, was ich immer schon mal lassen wollte. Einfach mal anders zu sein, überraschend, vielleicht sogar verrückt anders.

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