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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ohne Tamar hätte es Jesus vielleicht nie gegeben. So jedenfalls sieht es Matthäus in der Bibel. Der stellt seiner Geschichte von Jesus einen Stammbaum voran. Und da ist Tamar eine von fünf Frauen in einer Liste von 42 Männern. Tamar steht ziemlich am Anfang dieses Stammbaums. Und wenn sie nicht auf eigenartige Weise mutig gewesen wäre, wäre die Generationenfolge bei ihr bereits erloschen.
Tamars Geschichte wird in der Bibel erzählt (1. Mose 38, 1-26). Sie geht so.
Tamar war mit einem Urenkel des Patriarchen Abraham verheiratet. Aber ihr Mann starb früh und die Ehe war kinderlos. Damit wäre die Familie erloschen, der Mann hätte nach damaliger Vorstellung quasi umsonst gelebt. Und Tamar hatte keine Altersversorgung. Damals waren Kinder die Altersversorgung ihrer Eltern. Deshalb gab es die Einrichtung der Schwagerehe. Der Bruder des Mannes musste mit der kinderlosen Witwe ein Kind zeugen. Das galt dann praktisch als Kind des verstorbenen Mannes und sollte später für die Witwe sorgen. Aber auch dieser Bruder starb. Und Tamar hatte immer noch kein Kind. Dann gab es noch einen weiteren Bruder. Aber den wollte der Schwiegervater der Tamar nicht geben. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass auch dieser Sohn sterben könnte. Er hielt Tamar wohl für eine Frau, die Unglück bringt. Deshalb schickte er sie kinderlos zurück in ihr Elternhaus. Dort war sie nun eine unnütze Esserin und auf Barmherzigkeit angewiesen.
Soweit die Unglücksgeschichte der Tamar. Aber Tamar will sich das nicht gefallen lassen. Und sie tut etwas Ungeheuerliches. Sie verkleidet sich als Hure, setzt sich an den Weg, den ihr Schwiegervater zu gehen hatte. Und der nimmt die Gelegenheit war: Er kauft die Frau. Und als Pfand für den Hurenlohn, den er nicht dabei hat, verlangt sie sein Siegel und seinen Stab. Das war, als wenn man heutzutage seinen Personalausweis hergibt. Und Tamar wird schwanger.
Als Tamars Schwangerschaft dann herauskommt, sind alle empört. Nach dem damaligen Gesetz soll sie hingerichtet werden. Da zeigt sie dem Schwiegervater seinen Ausweis. Und der gesteht beschämt: sie hat das Richtige getan. Die Familienlinie kann weiter gehen, Tamar hat endlich jemanden, der sie versorgt. Und der Schwiegervater muss sich schämen.
Diese Frau, die ihr Recht durchsetzt, gilt in der Bibel nicht als zickig, nicht als hinterhältig und unberechenbar, wie das manche gern sehen, wenn eine Frau sich nicht unterkriegen lässt. Im Gegenteil. Sie hat das Richtige getan, sagt die Bibel.
Und jetzt steht sie unter lauter Männern im Stammbaum von Jesus. Jesus hat Frauen ermutigt, aufzustehen und zu leben. Ich glaube, Tamar hätte ihm gefallen.

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