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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eigentlich fängt die Bibel ziemlich langweilig an. Jedenfalls das Neue Testament, das von Jesus Christus erzählt. Das fängt mit einem Stammbaum an. Eine ganze Seite lang ein Name nach dem anderen. Einen Roman der so anfängt, ich glaube, den würde ich schnell wieder beiseitelegen. Und bei einem Radiobeitrag, der so anfängt, würde wahrscheinlich keiner so richtig zuhören.
Aber das Matthäusevangelium, das im Neuen Testament ganz am Anfang steht, das fängt tatsächlich so an. Nicht mit der Geburt von Jesus, auch nicht mit seiner Taufe oder seinem ersten öffentlichen Auftreten. Sondern mit diesem Stammbaum (Mt 1, 1-12). Den hat Matthäus erfunden. Zur Zeit Jesu gab es keine Standesämter und keine Kirchenbücher, aus denen man die Herkunft des Sohnes einfacher Leute hätte herleiten können. Aber Matthäus wollte mit seiner Namensliste etwas Wichtiges sagen. Er wollte für die Menschen, die das später lesen würden, festhalten: Dieser Jesus stammt von David ab, dem großen König. Ja, seine Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück: Er kommt aus der Familie Abrahams, zu dem Gott gesagt hat: In dir sollen alle Völker gesegnet sein.
Mit seiner Namensliste wollte Matthäus Jesus einordnen. Dafür sind Listen ja da: To-do-Listen, Umzugslisten, Namenslisten – damit verschafft man sich einen Überblick. Listen helfen einem, die Dinge einzuordnen. Damit man weiß, wo man dran ist. Was wichtig ist. Wie die Dinge zusammen gehören. Was zu tun ist. Deshalb auch diese Liste am Anfang der Geschichte von Jesus. Sie zeigt: Gott hatte eine lange Geschichte mit den Menschen. Eine Geschichte mit trial and error, mit Niederlagen und Neuanfängen. Und Jesus ist das Ziel dieser Geschichte. Er hat den Weg gezeigt, der die Welt in Ordnung bringen soll. Den Weg der Liebe, auf dem die Menschen gut und freundlich miteinander leben können. Jesus ist der Mensch, der denen Kraft gibt, die allein nicht weiter wissen und nicht weiter können.
Der Stammbaum am Anfang des Neuen Testaments endet bei Josef und Maria. Ein Engel, erzählt Matthäus, gibt Josef den Auftrag, Jesus einen Namen zu geben. „Immanuel“ soll er heißen. Immanuel, das heißt Gott ist mit uns. Jesus war dann vielleicht die etwas modernere Form. Jesus heißt nämlich „Gott rettet“.
Gott selbst kommt zur Welt. Zum Heil für alle Menschen. Das wollte Matthäus den Leuten mit seiner Liste klar machen. Damit sie von Anfang an wissen, wie sie das alles verstehen sollen, was er ihnen zu erzählen hat. So eine Liste ist ein bisschen langweilig. Aber manchmal eben doch wichtig.

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