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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

 Das einzig Beständige ist der Wandel. Das einzige, worauf man sich wirklich verlassen kann, ist, dass sich ständig alles verändert. Das ist so eine Lebensweisheit, die man immer besser versteht, je älter man wird. Man hört darin einen leisen melancholischen Unterton mitschwingen. Man hört, dass der ständige Wandel auch müde macht und man sich gern mal eine Weile einrichten würde in dem, was man kennt und womit man sich vertraut gemacht hat.

Vielleicht kennen Sie auch die Versuchung, einfach mal stehen zu bleiben, nicht mehr ständig weitergehen zu wollen, sich nicht immer und immer wieder auf Neues einzustellen. Und dabei weiß doch jeder, dass das nicht möglich ist, nicht solange wir leben.

Ein Mensch, der in seinem langen Leben viel Veränderung erlebt und zugelassen hat, ist der evangelische Theologe Jörg Zink. Ich kenne ihn nicht persönlich, trotzdem ist er ist für mich seit langem so etwas wie ein geistlicher Lehrer. Er vergleicht die Veränderungen, die wir erleben, mit den unterschiedlichen Gestalten des Wassers –in einem schönen Text, den ich Ihnen gern weitergeben möchte: [1]

Dieses Element geht seinen Weg durch unendliche Wandlungen.
Ich höre, wie es mir seine Geschichte erzählt:
Ich bin einmal Meer, einmal See oder Fluss,
einmal Wolke, dann Tau, dann Regen.
Ich habe keine bleibende Gestalt.
Wenn du sein willst wie ich,
dann überlasse dich den Veränderungen, die mit dir geschehen.
Laß deine Gestalt untergehen.
Stelle dir vor, du seiest See oder Fluß oder Meer,
Regen, Nebel, Eis, Schnee
und wieder tauendes rinnendes Wasser.
Sei Quelle, sei Saft im Baum, Feuchtigkeit im Grund der Erde.

Du sagst, das könntest du nicht?
Irrtum. Du musst es sogar können.
Du kannst nicht bleiben, was du bist, wie du bist.
Jeder Tag fordert dich anders.
Geh mit dem großen Spiel der Wandlungen.
Werde Wolke, reise frei über das Land,
dann regne herab,
werde zur Pfütze in der Furche irgendeines Ackers.
Laß dich reinigen unter den Wurzeln,
komm wieder ans Licht,
fließe, ruhe und steige wieder auf.
Wenn du dein Leben erhalten willst, wirst du es verlieren.
Nur wenn du es preisgibst, wie es gestern war,
findest du heute das Leben.“



[1] Jörg Zink, Wasser oder Das Spiel der Wandlungen, in: Erde, Feuer, Luft und Wasser, Kreuz Verlag Stuttgart 1986, S.181

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