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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Am 11. September in New York war Gott überall. Einen Text, der so beginnt, habe ich vor ein paar Wochen mit meinen Schülern im Religionsunterricht besprochen. Er erzählt von der furchtbaren Gewalt, die da entfesselt worden ist, als die beiden Flugzeuge ins World Trade Center gerast sind. Er schildert das sinnlose Leid der Opfer. Vor allem beschreibt er die Verzweiflung und Hilflosigkeit der Angehörigen, die sich nicht zu helfen wussten in ihrem Schmerz. Sie haben Fotos der Vermissten an Bauzäune und Litfaßsäulen gehängt. Und sie haben gebetet, weil sie das alles anders nicht aushalten. Da soll Gott dabei gewesen sein, an jenem 11. September 2001? Der Text sagt es noch drastischer: Überall ist Gott da gewesen. Überall! Was soll das heißen? Wie kann man das begreifen?

 Normalerweise wollen wir eher davon ausgehen, dass Gott dort gerade nicht ist, wo sich Schlimmes abspielt. Gott ist doch gut. Er liebt uns. Und er will, dass uns nichts geschieht. Wenn Gott wirklich Gott ist, dann muss er verhindern wollen, was an 9/11 und bei anderen schrecklichen Ereignissen geschehen ist. So wie es die Bibel in etlichen eindrucksvollen Geschichten überliefert: Die Israeliten, das Volk Gottes, wird befreit aus der Knechtschaft in Ägypten, bloß die Streitmacht des Pharaos kommt um. Die alte Welt geht unter in der Sintflut, aber der gerechte Noach mit der neuen Menschheitsfamilie überlebt.

Die Tatsachen sprechen allerdings eine andere Sprache. Damals in den USA ist ein Ereignis von historischer Tragweite passiert, das die ganze Welt erschüttert hat. Gott hat sie nicht verhindert. Ob er es nicht wollte, oder nicht konnte? Ob es ihn gar nicht interessiert hat? Hier beginnen die schwierigen Fragen des Glaubens. Sie kommen uns vor allem dann in den Sinn, wenn wir es mit großem, sinnlosem  Leid zu tun haben. Eine Möglichkeit ist es, in solchen Situationen wie in New York am 11. September die Abwesenheit Gottes zu beklagen. Dann bleibt Gott der Ferne. Er verbirgt sich vor dem Wahnsinn, zu dem wir Menschen fähig sind. Seine Existenz und Gegenwart sind höchstens im Hintergrundrauschen des Kosmos zu vermuten.

Oder wir trauen ihm zu, dass er einfach mit dabei ist. Überall. Das greift der Text auf, den ich mit den Schülern gelesen habe. Er spricht von der Möglichkeit, dass Gott in keiner Sekunde und am keinem Ort abwesend ist. Wir können ihn anklagen und ihn fragen, was er bloß damit meint, was das für einen Sinn ergeben soll.... Er ist Ansprechpartner und Rettungsanker - auch wenn er dem Menschen die Freiheit lässt, das Böse zu tun.

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