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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Keine Generation war so wehleidig wie unsere – sagen manche Gesellschaftskritiker. Und ich gebe zu: So ganz falsch scheint mir diese Beobachtung nicht zu sein. Da kann ich bei mir selbst anfangen. Wenn mir was weh tut, renne ich zum Arzt und besorge mir ein Medikament. Meine Bereitschaft, etwas auszuhalten, es erst mal eine Weile hinzunehmen, dass mir was wehtut oder fehlt, die ist ziemlich gering. Bei anderen ist das nicht anders. Meine Schüler jammern, wenn sie mehr als üblich lernen müssen. Viele Ältere haben verständlicherweise Angst davor, dass ihre Kräfte nachlassen. Wenn ich das und das nicht mehr kann, will ich gar nicht mehr leben, denkt mancher. Leiden ist so ziemlich das unbeliebteste in unserer Gesellschaft, was man sich vorstellen kann.

Aber das Leiden ist doch Teil unseres Menschseins. So sind wir gemacht. Eben nicht vollkommen und unangreifbar. Sondern verletzlich, sterblich. Warum fällt es uns bloß so schwer, uns damit abzufinden?

Ein Grund dafür könnte sein, dass Wissenschaftler und Ärzte alles daran gesetzt haben, die Grenzen des Lebens hinauszuschieben. Dabei sind ihnen ungeheure Fortschritte gelungen. Der Mensch wird älter denn je. Viele erreichen ein hohes Alter und erfreuen sich dabei erstaunlicher Gesundheit. Krankheit und Tod sind in große Ferne gerückt. Das ist etwas für später. Jedenfalls nicht für jetzt. Immer für morgen, nicht für heute. Das haben wir uns eingeredet, und so versuchen wir jede Form von Leid so gut es geht zu verdrängen.

Es ist gut, dass es so etwas gibt wie Schmerztherapie, damit kein Mensch unnötig leiden muss. Es ist auch gut, dass wir dem Leid etwas entgegen setzen wollen, soweit uns das möglich ist. Selbstverständlich! Aber keiner sollte sich der Illusion hingeben, dass er ungestreift durchs Leben kommt. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Das Leid ist Teil der menschlichen Verfassung. Und schon aus diesem Grund ist es klug, sich damit auseinander zu setzen. Denn so bleibt man im Ernstfall vor Überraschungen wenigstens ein bisschen gefeit.

Als ich vor einigen Jahren eine schwere Krise durchmachen musste, wollte ich das zuerst nicht akzeptieren. Dann habe ich lange Zeit unter der Last gestöhnt, die da plötzlich auf mir lag. Ich wollte wieder der Alte sein, das Leiden an mir selbst einfach abschütteln; das habe ich mir lange Zeit gewünscht. Bis ich gemerkt habe: Durch den Schmerz verändert sich etwas. Ich lerne neue Seiten an mir kennen, Stärken, die verborgen waren. Ich vertraue zum Beispiel viel mehr als früher auf das, was ich gut kann. Und das ist gar nicht schlecht. Jedenfalls lebe ich anders als früher, als vor der Krise. Ich meine: besser. So fruchtbar kann leiden sein.

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