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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kennen Sie aufgeschobenen Kaffee? Ich habe ihn in einem Freiburger Café kennengelernt. Da habe ich mitgehört, wie am Nebentisch ein Pärchen seine Bestellung aufgegeben hat: "Vier Kaffee bitte, zwei to go und zwei Aufgeschobene". Zwei ‚Aufgeschobene? – ich schaue verwirrt zur Servierkraft. Die füllt ohne Zögern zwei Pappbecher voll Kaffee. Das Pärchen zahlt und verlässt das Lokal. Während ich noch überlegt habe, was ein „aufgeschobener“ Kaffee ist, tritt ein älterer Mann an die Theke und fragt höflich: „Haben Sie einen Aufgeschobenen für mich?“
Die Bedienung schaut auf eine Liste und sagt freundlich: „Ich kann Ihnen Kaffee, Latte Macchiato oder einen doppelten Espresso anbieten.“ Der Mann entscheidet sich für Kaffee und setzt sich. Mit beiden Händen wärmt er sich an der Tasse und genießt jeden Schluck seines „Aufgeschobenen Kaffees“.
„Caffè sospeso“ heißt das, was ich in dem Freiburger Café erleben durfte, und es ist nichts anderes als gelebte Nächstenliebe. Die Idee stammt aus Italien. Dort konnten sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele Menschen keinen Kaffee im Café mehr leisten. So entstand in Neapel die Idee vom Caffè sospeso. Einige Jahrzehnte vergessen, ist die Idee in der Finanzkrise wiederentdeckt und seitdem über die sozialen Netzwerke weltweit verbreitet worden. Seit einiger Zeit gibt es die Aktion auch in Deutschland: in Lokalen in Berlin, Hamburg und in Nordrhein-Westfalen und jetzt auch bei uns in der Nähe – in Freiburg und Schwäbisch-Gmünd.
Ich finde die Idee großartig. Ein wunderbares Beispiel, wie Nächstenliebe und Solidarität ganz konkret gelebt werden können – einfach, unspektakulär und doch effektiv. Und so einfach: mit einem kostenlosen Heißgetränk.
Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, hat Gott jedem von uns als Auftrag mit gegeben. Caffè Sospeso zeigt, dass es ganz einfach ist, diesen Auftrag zu erfüllen. Klar kann man sich noch auf viele andere Weisen für andere Menschen einsetzen. Man kann Geld spenden für Projekte vor Ort oder weltweit oder man kann selbst ehrenamtlich tätig sein. Aber man kann auch einfach nur einen Kaffee spendieren.
Damit rette ich nicht die Welt, das weiß ich auch. Aber jeder gespendete, heiße Kaffee sorgt dafür, dass unsere Welt anders wird. Nämlich solidarischer und wärmer. Zumindest für eine Person und für einen Moment.

www.suspendedcoffee.de; die Facebook-Seite:
www.facebook.com/SuspendedCoffeesGermany.
In Freiburg beteiligt sich das DiVina’s Art-Café, in Schwäbisch-Gmünd das Restaurant Kaffeehaus am Projekt Caffè sospeso.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16794