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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

“Lieber Gott, dasselbe wie gestern. Amen.”
So könnte ein Gebet lauten. Zugegeben ein eher lustloses Gebet, aber Beten kann ja auch manchmal mühselig und eintönig sein – so empfinden es zumindest viele Menschen. Es ist ja auch nicht einfach, sich mit Gott zu unterhalten, den man weder sehen noch hören, noch anfassen kann.
Aber Beten muss nicht lustlos und langweilig sein – Beten darf kreativ sein und überraschend und sogar Spaß machen. Man muss nur das richtige Handwerkszeug kennen. Und man muss wissen, welche Art zu beten am besten zu einem passt.
Dieses Handwerkszeug bietet der Theologe Klaus Douglass in seinem Buch „Beten – ein Selbstversuch“ auf erfrischende Weise. Er beschreibt darin genau fünfzig verschiedene Arten zu beten. Alle hat er selbst ausprobiert, in fünfzig Tagen. Und er schreibt ehrlich, was er dabei erlebt hat, welche Form des Betens bei ihm geklappt hat und welche nicht.
Zum Beispiel klappt bei ihm das Beten mit dem Fotoapparat: Sich ein Motiv aussuchen und staunen über die Schönheit in Gottes Natur. Dafür funktioniert bei ihm nicht das Beten in einer mittelalterlichen Kirche: zu viele Menschen gingen da rein und raus, er war abgelenkt und konnte sich nicht konzentrieren.
Mich hat die Lektüre des Buches amüsiert und erstaunt und irgendwie auch erleichtert. Ich habe mich früher oft gefragt: „Bete ich eigentlich richtig, wenn ich bete?“ Und ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich mal keine Lust zum Beten gehabt habe, mir manchmal die Worte gefehlt haben oder ich im Gottesdienst beim Gebet mit meinen Gedanken ganz woanders war.
Klaus Douglass sagt: Es gibt viele Arten zu beten. Alle sind gleich richtig und gut.
Welche Formen des Gebets für mich die besten sind, kann ich nur selbst herausfinden. Und dabei sollte ich mir keine inneren Schranken auflegen. Ich darf beim Beten ganz ehrlich sein, ich darf jammern, müde sein, wütend, eifersüchtig, neidisch. Die Beter in der Bibel, vor allem in den Psalmen, lassen in ihren Gebeten auch alle ihre Gefühle raus – sogar die heftigsten Rachegelüste. Und warum auch nicht: Gott kennt doch sowieso alle meine Gedanken und Gefühle. Vor ihm darf ich sein wie ich bin – auch beim Beten.
Ich darf sprechen, tanzen, malen, schimpfen, in den Himmel blicken oder gar nichts tun – ganz wie mir gerade ist. Denn Beten darf so vielfältig sein wie das Leben. Das macht doch Lust aufs Beten, finden Sie nicht? Mir jedenfalls schon.

Klaus Douglass – Beten ein Selbstversuch 2011

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