Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die 8jährige Ina sitzt vor einem leeren Blatt. Sie soll malen. Aber nichts fällt ihr ein und Malen kann sie sowieso nicht. Ina fühlt sich klein und unfähig.
Mit dieser Szene beginnt das Bilderbuch „Der Punkt“ von Peter H. Reynolds. Ich habe mich auch schon oft klein und unfähig gefühlt. Deshalb kann ich mich gut in Ina hineindenken. Gut, dass Ina diese besondere Lehrerin hat, die fest daran glaubt, dass in jedem Menschen Talente stecken. „Fang einfach an, und warte ab, was passiert!“, fordert sie Ina auf. Aber Ina klatscht nur voll Wut ihren Stift aufs Papier und hinterlässt dabei einen fetten Punkt. Die Lehrerin drängt nicht weiter. Aber sie fordert Ina auf, ihren Namen auf den Rand des verschmierten Blattes zu schreiben.
Als Ina das nächste Mal in den Kunstunterricht kommt, ist sie erstaunt. Im Malraum hängt ein neues Bild mit einem wunderbaren Gold-Rahmen. Es ist ihr Bild mit dem hingeschmotzten fetten Punkt und ihrem Namen. Es sieht schön aus. Nun ist Inas Ehrgeiz geweckt: Sie will einen noch schöneren Punkt malen. Und jetzt hört sie gar nicht mehr auf zu malen: kleine und große Punkte, bunte und einfarbige Punkte, viele Punkte auf einmal oder nur einen einzigen. Später gibt es sogar eine Ausstellung an der Schule, bei der Inas Bilder sehr bewundert werden. Die Lehrerin hat es geschafft: Sie hat Ina Selbstbewusstsein gegeben. Jetzt muss Ina nicht mehr denken, dass sie sowieso nichts kann.
Wie gesagt: ich kann mich gut in Ina hineinfühlen. Denn zum Glück hat es auch in meinem Leben solche Menschen wie Inas Mal-Lehrerin gegeben. Menschen, die mir Selbstbewusstsein und Anerkennung gegeben haben und die sogar in scheinbar ausweglosen Situationen an mich geglaubt haben.
Menschen, die mir Gott an die Seite gestellt hat. Das glaube ich fest. Denn Gott ist es, der meine verborgenen Kräfte und Fähigkeiten sieht und mir Mut macht, an mich zu glauben. Es ist Gott, der mich für unendlich wertvoll hält, auch wenn ich mich selbst oft gar nicht so sehe. Und für den mein Lebensbild in einem goldenen Rahmen steckt.
Ich finde es wunderbar, so geschätzt und gewürdigt zu sein. Und es macht mir Lust, auch andere Menschen stark zu machen und ihnen zu zeigen, was alles in ihnen steckt und wie viel sie können.
Denn schließlich hängt bei Gott ja nicht nur mein Lebensbild an der Wand, sondern auch Ihres. So steht es zumindest in der Bibel – in der Schöpfungsgeschichte, wo Gott stolz auf seine Menschen schaut und sagt: „Siehe, das ist alles sehr gut!“.

Peter H. Reynolds: Der Punkt: Kunst kann jeder, 2010.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16791