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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Seit Oktober herrscht Redeverbot im Restaurant Eat im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Das Restaurant gehört Nicholas Nauman. Seitdem man beim Essen nicht reden darf, kann sich das Restaurant vor Buchungen kaum mehr retten.
Für Nicholas Nauman ist sein Schweigerestaurant mehr als eine Geschäftsidee. Auf die Idee gebracht hat ihn ein Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster in Indien. Dort hat er gelernt, schweigend zu frühstücken. Und dort hat Nauman gemerkt: Durch das Schweigen wird der Geschmackssinn sensibilisiert. Und tatsächlich: Auch die Besucher seines Restaurants erleben das Essen viel bewusster und entspannter.
Bis heute ist es auch in christlichen Klöstern gute Tradition, beim Essen zu schweigen. Dabei geht es dort nicht um intensive Geschmackserlebnisse, sondern um die Sensibilisierung für das Leben. Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, sagt: "Nicht Wissen sättigt die Seele, sondern das Schmecken und Verkosten der Dinge von innen her." Und dafür sind stille Momente notwendig. Nicht nur beim Essen. Ein Tag, den ich mit einem kurzen Moment der Stille beginne, läuft anders als ein Tag, der sofort mit Arbeit beginnt. Tatsächlich passiert es heute immer mehr Menschen, dass sie sich in unserer lauten, hektischen Welt selbst verlieren und ausbrennen. Da könnten ein paar ruhige Minuten am Morgen vielleicht helfen.
Jetzt kann ich mir persönlich ein Schweigeaufenthalt im Kloster nicht vorstellen. Ich rede gerne und ich höre gerne, was andere mir zu erzählen haben. Und insbesondere bei Mahlzeiten – sei es im Kreis meiner Familie oder meiner Freunde – finde ich Gespräche wichtig, wichtiger als das Essen selbst.
Aber hin und wieder ein paar Stillemomente brauche ich schon. Und die nehme ich mir auch, gerade in Situationen, wo ich großen Stress habe. Wenn ich eine endlose Liste von Dingen zu erledigen habe, oder wenn ich kurz vor einem wichtigen öffentlichen Auftritt stehe. Mir reicht dann ein Satz, den ich vor Jahren in einem Seminar für mich entdeckt habe: „Ruhe und Stille für meine Seele“, „Ruhe und Stille für meine Seele“. Und ein paar kurze Minuten, in denen ich mir diesen Satz ins Gedächtnis rufe. Wie eine Meditation ist das.
Mich erfüllt dann tatsächlich innere Ruhe – und eine große Dankbarkeit. Denn in diesem Moment spüre ich, dass Gott da ist – mitten im Schweigen.
Vielleicht versuchen Sie es auch einmal – zumindest hin und wieder, und mit dem Satz, der zu Ihnen passt. Vielleicht können auch Sie dann spüren, dass Gott da ist und dass er Sie trägt.

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