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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt persönliche Dinge, die gehen niemand etwas an, auch keine staatliche Obrigkeit. Nur mich selbst, diejenigen, mit denen ich Persönliches freiwillig teile und meinen Gott. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein in einer Demokratie. Ist es aber nicht, haben wir lernen müssen im letzten Viertel Jahr.
Ich frage mich, ist denn diese Versuchung nicht auszurotten, dass Obrigkeiten alles wissen wollen, als wären sie Gott?
Diese Versuchung bei denen oben, alles wissen zu wollen, ist alt. Mit dem Unterschied, dass es heute auch technisch möglich ist, auszuspähen, was nicht jeden was angeht.
Die Geschichte von Johannes Nepomuk hat mich erinnert, wie alt diese Versuchung da oben ist. Vermutlich sind Sie schon öfter begegnet. An vielen Brücken steht sein Denkmal. Ein stummer Zeuge des Widerstandes gegen zu großen Wissensdurst der Obrigkeit. Vor über 600 Jahren hat Johannes Nepomuk gelebt.
Es wird erzählt: Lieber hat er sich umbringen lassen als Geheimnisse zu verraten. Seine Königin hat sie ihm anvertraut, in der Beichte. Das bringt ihren Mann, König Wenzel von Böhmen, auf den Plan. Er will unbedingt wissen, was seine Ehefrau dem Geistlichen anvertraut hat. Was nur sie und Gott angeht. König Wenzel versucht, Nepomuk als Quelle auszuspähen. Aber, trotz Folter, soll der dem König widerstanden haben. Die Verteidigung des Rechts auf Persönliches hat Nepomuk mit dem Leben bezahlt. Man hat ihn in Prag von einer Brücke geworfen und ertränkt. Vielleicht gab es noch mehr politische Gründe für seine Ermordung. Aber dass er sich nicht hat ausspähen lassen, dafür haben die Menschen ihn verehrt als Vorbild.
Mir sagt das: Menschen haben schon lange vor dem demokratischen Rechtsstaat gewusst; zum Menschsein gehört das Recht auf Persönliches, das andere nicht wissen müssen. Auch nicht die Obrigkeit.
Und wenn der Staat alles wissen will, dann maßt er sich etwas an, was Gottes ist. Dann überschreitet der Staat seine Grenzen. Schon gar ein demokratischer. Ich finde, es braucht mehr Leute, die den Geist Nepomuk lebendig halten.
Ist es zu viel verlangt, wenn ich von meinem Staat erhoffe, dass er mich als Bürger aufklärt, wo mein persönliches Recht auf Geheimnis überall in Gefahr ist? Müsste es nicht nur Verbraucherschutz geben, sondern bei den heutigen Ausspähmöglichkeiten viel mehr Kommunikationsschutz. Aktiv von Seiten unseres Staates? Vielleicht ist es ja Zeit für ein Internetministerium, das zuerst die Persönlichkeitssphäre zu schützen hat.

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