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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wir könnten von Moscheen eine ganze Menge abgucken für unsere Kirchen, finde ich. Als Tourist in Istanbul ist mir das bewusst geworden. Moscheen gehören in dieser Riesenstadt genauso selbstverständlich zum Stadtbild wie bei uns Kirchen. Als Gebäude. Man findet sie in jedem Stadtteil.
Und ich hatte das Gefühl: Die Moscheen sind mittendrin im normalen Leben. Vielleicht mehr, als bei uns die Kirchen. Nicht nur sonntags, auch an Werktagen. Offen, fast rund um die Uhr. Für Einheimische, genauso wie für mich als Ausländer. Für Muslime und mich als Christen.
Ich finde, das hat was, wenn ein Gotteshaus selbstverständlich offen ist und jeden einlädt, sich was Gutes zu gönnen. Da ist man den halben Tag auf den Füßen in einer so lebhaften, vollen und lauten Stadt. Man trifft auf ein Gotteshaus und braucht nur ein paar Schritte weg von der Straße und die Welt wird stiller, langsamer, erholsamer. Ohne dass man gleich gläubig werden muss.
Eine Moschee ist nicht nur offen für Beter. Zu vielen gehört außen ein Grünbereich, man kann sich auf eine Bank setzen, Kaffee oder Tee trinken. Und ich fand auch gut zu wissen, bei einer Moschee, da gibt es ein WC. Ich vermute, Sie verstehen, was ich meine.
Es hat mir sogar gut getan, die Schuhe los zu werden. Das muss man ja, bevor man über die Schwelle tritt, ins eigentliche Gotteshaus. Drinnen, auf Strümpfen, oder barfuß, tritt man automatisch anders auf. Ist auch nicht das Schlechteste, finde ich, wenn Menschen auch einmal sanfter auftreten in dieser Welt. Weicher. In unseren Touristenkirchen erlebe ich das inzwischen oft anders. Im Freiburger Münster zB. Manchmal habe ich den Eindruck, für viele die da rein kommen, macht es nur noch wenig Unterschied, ob sie draußen auf dem Markt oder drinnen in der Kirche sind. Schade. Das nimmt einem Gotteshaus einen großen Teil seiner wohltuenden Kraft.
Insofern fand ich es sogar angenehm, dass der Gebetsbereich für mich als Christ in der Moschee nicht zugänglich ist. Man reserviert einen Raum für die Begegnung mit Gott. Genauso selbstverständlich, wie die Moschee grundsätzlich offen ist.
Ich denke, wir könnten davon nicht nur manches abgucken, wir sollten auch, für unsere Kirchen. Sie können so wohltuend sein, gerade auch für unser normales schnelles Leben im Alltag. Für Einheimische und Fremde. Wenn sie offen sind. Mit einem bisschen Platz außen, und dem Raum und der Atmosphäre drinnen, die uns erinnert, dass Gott da ist, auch im Alltag, zwischen shoppen und schaffen.

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