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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gehen Sie am Sonntag zur Wahl? Für mich war das noch nie eine Frage seitdem ich wahlberechtigt bin. Als Bürgerin in diesem Land habe ich es immer als mein Recht und meine Pflicht gesehen, meine Stimme abzugeben. In diesem Sommer ist mir schlagartig bewusst geworden, dass das nicht mehr selbstverständlich ist. In einer Talksendung haben Menschen offen gesagt, dass sie nicht wählen gehen. Selbst der Sohn eines hohen Politikers hat noch nicht gewusst, ob er am Sonntag wählen wird. Für einen namhaften Journalisten war es dagegen längst klar. Die junge Frau mit 27 Jahren in der Talkrunde hat noch nie gewählt. Weil sie gesellschaftliche und politische Entwicklungen nicht beeinflussen kann nur weil sie sich für eine Partei entscheidet.
Politikern jeder Farbe wird vorgeworfen, dass die bei Wahlen zu viel versprechen, was sie nicht einhalten. Dass sie zu wichtigen Themen keine klaren Aussagen machen und die  Anliegen der Bundesbürger oft nicht hören. Sicher gibt es noch viel mehr Gründe nicht zu wählen.
Darum geht es mir aber nicht. Auch nicht darum, die Arbeit von Politikern  zu beurteilen. Die ist sowohl im eigenen Land als auch europaweit und erst recht weltweit so kompliziert und anspruchsvoll, dass ich mir das nicht anmaße.
Aber seit dieser Talksendung beschäftigt mich die Frage, wie eine Gesellschaft organisiert sein kann, damit Menschen tatsächlich beteiligt sind an Entscheidungen, die für sie wichtig sind. Demokratie zu verwirklichen in einer Gemeinschaft zu der Millionen Menschen gehören ist nicht leicht. Außerdem ist mir klar geworden, dass für viele Generationen die bedeutenden Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg selbstverständlich sind. Wie können sie verstehen, dass es wertvoll ist in einem freien Land zu leben? Dass es wertvoll ist, seine Meinung frei äußern zu dürfen? Ein Mitspracherecht in einer Gemeinschaft zu haben? Dass es wertvoll ist in einem Land zu leben, in dem die Menschenrechte in der Verfassung fest verankert sind? 
Wenn immer mehr Menschen nicht zur Wahl gehen, ist das ein Alarmsignal. Und eine Aufforderung. Darüber nachzudenken, was sich verändern muss damit das bleibt, was wertvoll ist in einem freien demokratischen Land. Und darüber nachzudenken, was ich konkret dafür tun kann.

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