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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt das, was wir von einem Menschen sehen. Und das was wir nicht sehen. Von Paul kann ich sehen: Er ist groß, braun gebrannt und modisch gekleidet. Auf den ersten Blick selbstbewusst. Dass er sich selbst wertlos und hässlich vorkommt, kann ich nicht sehen.
Oder Isabell. Sie ist immer freundlich und strahlt bei ihrer Arbeit. Keiner soll sehen, wie unglücklich sie ist.
Sie kennen das. Jeder Mensch lebt in verschiedenen Welten. Immer gibt es eine innere und eine äußere Welt. Manchmal, wenn ich in einem Café sitze, stelle ich mir vor, was in jedem dieser Menschen vorgeht, die auch da sitzen. Was sie denken und fühlen, erinnern, befürchten, hoffen nur innerhalb einer einzigen Stunde. Viele könnten mehrere DinA4 Seiten füllen, wenn sie das alles aufschreiben würden. Gott sei Dank gehört diese innere Welt jedem für sich. Wie gut, wenn nicht jeder gleich sehen kann, in welcher Verfassung ich bin. Das geht auch weiß Gott nicht jeden was an. Unsere verletzliche Innenseite braucht Schutz.
Manchmal finde ich es aber auch schade, wenn Menschen einander nicht mehr von sich zeigen als ihre Schutzhaut. Es kann so wertvoll sein, sich tiefer zu begegnen. Fremden gegenüber ist das bisweilen leichter. Mir fällt eine Zugfahrt ein. Der Mann, der mir gegenüber gesessen ist, hat erzählt, dass er seine kranke Mutter besuchen fährt. Und auf einmal waren wir mitten in einem Gespräch über das, was uns im Leben wichtig ist.  
Manchmal ist es fast zerstörerisch wenn Menschen voneinander nicht mehr zeigen als ihre Schutzhaut. Beziehungen können daran zerbrechen, privat aber auch beruflich. Die innere Welt von jedem einzelnen kann zum Gefängnis werden. Wer nur schweigt, wenn er sich schämt, schuldig fühlt, erschüttert ist oder enttäuscht. Wer nur schweigt, wenn er Angst hat, verletzt ist oder empört. Den können all die nichtgesagten Worte lähmen, ersticken, verbittern.

Während meiner Ausbildung zur Seelsorgerin hat einer der Ausbilder einen Satz gesagt, der mir bis heute einfällt: Oft reicht es schon, wenn der Mensch, der vor Ihnen sitzt, endlich jemandem erzählen kann, was er schon so lange alleine mit sich herumträgt. Wichtig ist, dass er Ihnen vertraut.

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